50 Jahre Ö3: Musik ist Fundament, Worte sind USP

Anlässlich des 50. Geburtstages hat Ö3 ehemalige Moderatoren nochmals hinters Mikro gebeten. Gemeinsam mit aktuellen Moderatoren blicken die Radiolegenden nicht nur auf fünf Jahrzehnte Sendungsgeschichte zurück, sondern wagen auch einen Blick in Richtung Zukunft des Radios.

Erschienen in HORIZONT 24/17

„All You Need Is Love“ von den Beatles war gerade Österreichs Nummer-eins-Hit, als Ö3 im Jahr 1967 erstmals auf Sendung ging. Der Sender startete am 1. Oktober mit dem Ziel, profunde Nachrichten, aktuelle Musik und gute Unterhaltung zu machen. An dieser Philosophie hat sich auch ein halbes Jahrhundert später nichts geändert, in diesem Jahr begeht Ö3 seinen 50. Geburtstag. Aus diesem Anlass hatten Hörer in den letzten Wochen die Möglichkeit, für den Song ihres Lebens abzustimmen – die Top 1.000 Songs, die es auf die Liste geschafft haben, wurden in der Vorwoche im großen Finale „Song deines Lebens“ gespielt. Präsentiert von aktuellen und auch ehemaligen Moderatoren. HORIZONT hat mit dem ersten Ö3-Chef Ernst Grissemann, dem aktuellen Senderchef Georg Spatt, Radiolegenden und Moderatoren über die Veränderungen in den letzten 50 Jahren, welche Herausforderungen auf das Medium Radio zukommen werden und ihre Wünsche anlässlich des 50. Geburtstages an Ö3 gesprochen.

„Klar hat sich der Sender verändert. Alles hat sich verändert“, sagt Ernst Grissemann, der 1967 von ORF-Generalintendant Gerd Bacher geholt wurde, um im reformierten ORF Ö3 aufzubauen. „Es gab nach dem Start von Gerd Bachers großer Rundfunkreform nichts, was sich uns in den Weg stellte. Wir haben erreicht, was wir gar nicht zu träumen wagten“, erinnert sich der erste Ö3-Chef zurück. Angesiedelt war man damals im ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße, erst 1997 übersiedelte der Sender ins ORF-Medienhaus in Heiligenstadt. Bildschirme, so wie heute, habe es im Studio nicht gegeben, „es gab große Fenster, dahinter saß ein Techniker, der eine Zeitung gelesen hat, während wir gesprochen haben. Und mitten auf dem Tisch stand ein Mikrofon“, so Grissemann. „Ö3 ist lebendiger geworden“, resümiert Gotthard Rieger, der 1972 zu Ö3 gestoßen ist. Der direkte Draht zum Publikum und Showelemente würden heute eine größere Rolle spielen. Der „Song deines Lebens“, der in Co-Moderation über die Bühne gegangen ist, sei hierfür ein gutes Beispiel: „Co-Moderation hätte es bei uns nicht gegeben, Co-Moderieren war bei uns eine steife Geschichte.“

Mehr Wort, weniger Musik

Einen wesentlichen Beitrag dazu, dass Ö3 sich zu jenem Sender entwickelt hat, der er heute ist, leistete Georg Spatt, der 1996 bei Ö3 anheuerte und seit 2002 Senderchef ist. Seit Juni 1996 ist Spatt bei Ö3 mit der strategischen Programmplanung befasst, im Frühjahr 1998 wurde er stellvertretender Senderchef. Nach dem Wechsel von Bogdan Roscic zu Universal Music war Spatt seit Jänner 2002 mit der interimistischen Leitung von Ö3 betraut, im März 2002 wurde er Programmchef. Anlässlich des Geburtstages will sich Ö3 in diesem Jahr verstärkt jenen Dingen widmen, die aus der Sicht der Hörer den Sender auszeichnen, erzählt er. Musik sei hier laut Spatt „ein wesentlicher Faktor“ und auch „ein wesentlicher Grund“ gewesen, Ö3 zu gründen. Im Laufe der letzten 50 Jahre habe sich diese „natürlich extrem geändert, sowohl der Musikmarkt, als auch die Art und Weise, wie Musik konsumiert wird und was Radio im Zusammenhang mit dem Musikmarkt für eine Position hat“, so Spatt. Den Fokus habe man in den letzten Jahren allerdings stärker auf den Wortanteil gelegt. Aus dem Grund, dass der Wortanteil „sicherlich der Teil ist, wo man sich als Sender seine Alleinstellungsmerkmale herausarbeiten kann“. Das sei keine „Kindesweglegung“, für Ö3 sei die Musik „seit 50 Jahren das Fundament, aber ich möchte im Jahr 2017 kein Sender sein, der seine ganze Positionierung auf die Musik ausgerichtet hat“, sagt Spatt.

Apropos Ausrichtung: Ein Blick in das Bewerbungskonzept von Alexander Wrabetz anlässlich der Wahl zum Generaldirektor im Vorjahr lässt vermuten, dass Ö3 in den nächsten Jahren mit Nachjustierungen in der Strategie konfrontiert sein wird. In diesem steht, dass Wrabetz Ö3 „sowohl beim älteren als auch beim ganz jungen Publikum von ‚Aussegmentierung‘ bedroht“ sieht. Deswegen sei es „notwendig, den Marketingauftritt von Ö3 zu stärken und die Musikprogrammierung flottenstrategisch zu unterstützen“. Musikalisch und programmlich soll Ö3 weiter „sehr breit positioniert“ bleiben, „was unter den derzeitigen Rahmenbedingungen ein außerordentlich ambitioniertes Konzept ist“, so der Generaldirektor.

Poleposition, aber Einsparungen

Im Vorjahr hörten die Österreicherinnen und Österreicher im Durchschnitt täglich 184 Minuten Radio. Die Tagesreichweite des Mediums Radio lag 2016 bei 76,7 Prozent, nach 77,2 Prozent im Jahr davor. „Das Faszinierende am Radio ist, dass es die Inkarnation der akustischen Kommunikation ist. Wir sind noch immer durch das miteinander Reden und Hören verbunden. Und das mit Musik zu kombinieren, das ist etwas ganz Besonderes“, sagt Radiolegende Rudi Klausnitzer. Radio habe etwas „wunderbar Zeitloses, das irgendwie immer modern bleibt“ und könne“„Dinge, die Facebook und Co. nicht können und die das Fernsehen nie konnte. Etwas, das ein gutes Buch manchmal kann, nämlich Abenteuer im Kopf zu erzeugen“, sagt Ö3-Wecker-Moderator Robert Kratky. Ein Radio sei laut Kratky mit einem Toaster vergleichbar, „der gut funktioniert und den man gern hat. Er spielt jetzt nicht die Hauptrolle im Leben eines Menschen, aber wenn er weg wäre, würde einem etwas abgehen“.

Indessen dominiert Ö3 weiterhin den österreichischen Radiomarkt, geht aus dem im Februar veröffentlichten Radiotest 2016 hervor. Das Hitradio steigerte seine Tagesreichweite von 33,1 auf 33,2 Prozent. Als einen „schönen Lohn, der sich in Zahlen messen lässt“, bezeichnet Kratky diese Werte. „Ich weiß, dass Kollegen aus Amerika, Deutschland und England, dem Mutterland des Popradios, nach Österreich schauen und sich fragen, wie es sein kann, dass es zwar Dutzende Privatradiostationen gibt, aber Ö3 nach wie vor in allen Zielgruppen marktführend ist.“ Der größte Konkurrent, der bundesweite Privatsender Kronehit, hält unverändert bei einer Reichweite von 11,7 Prozent. Dass es Ö3 in einem Markt mit zahlreichen Konkurrenzsendern und Musikstreamingplattformen nach wie vor gelingt, seinen Marktanteil und seine Poleposition zu halten, sei laut Klausnitzer einer „ständigen, sehr dosierten und gekonnten Veränderung“ zuzuschreiben. Der Marktanteil, der „wie ein Damoklesschwert über dem Sender hängt“, sei „überdimensional zur Wettbewerbslandschaft“ und eine „Ausnahmeerscheinung“.

Trotz dieser Vormachtstellung muss Ö3 – wie auch alle anderen ORF-Radios – in diesem Jahr mit weniger Geld auskommen. Im Vorjahr betrug das gesamte Radiobudget 110 Millionen Euro, 2017 liegt das Budget knapp darunter, konkrete Zahlen dazu veröffentlicht der ORF nicht. Dass auch Ö3 ein Einsparungsvolumen zu realisieren hat, „darüber freue ich mich nicht“, so Spatt. Weil man weniger Geld als Ö1 bekomme – Ö1 erhält ein Drittel des Radiobudgets, Ö3 ein Fünftel – müsse man in absoluten Zahlen auch weniger einsparen, „prozentual müssen wir aber dasselbe einsparen wie Ö1“, informiert der Senderchef. Zahlen nennt auch er keine, wie HORIZONT aber aus einem vor wenigen Monaten geführten Interview mit Ö1-Programmchef Peter Klein in Erfahrung bringen konnte, hat Ö1 heuer 2,3 Prozent des jährlichen Gesamtbudgets einzusparen.

Spirit, Mut und Unerwartetes

Eine Prognose darüber, über welche Kanäle und Wege Ö3 in 50 Jahren verbreitet wird, traut sich heute niemand zu treffen. „Man weiß nicht, wie in ein paar Jahrzehnten Radio gehört wird – ob über das Smartphone, über Streaming und vielleicht nicht mehr terrestrisch“, so Rieger. Ö3 werde aber auch in den nächsten Jahrzehnten die Aufgabe haben, „auf der einen Seite Österreichs größtes Radio“ und „auf der anderen Seite Österreichs kleinstes Radio“ zu sein, „nämlich das Radio für jeden ganz persönlich. Und das ist glaube ich ein Spagat, den Ö3 seit mittlerweile 50 Jahren wirklich gut schafft“, sagt Kratky. „Ich glaube, das was Ö3 immer ausgemacht hat – damals wie heute – ist der Spirit. Ö3 ist immer jung geblieben und hat es immer geschafft, mit der Zeit zu gehen. Und wenn uns das nach wie vor gelingt, wäre das großartig“, sagt Sandra König, seit 2007 Co-Moderatorin beim Ö3-Wecker.

Und auch den einen oder anderen Wunsch für „ihr Ö3“ haben die ehemaligen und aktuellen Moderatoren. „Ich wünsche Ö3 den Mut, sich selbst ständig neu zu erfinden, weil das in diesem Geschäft das Wichtigste ist. Und jeden Tag aufs Neue in den Äther hinaus zu gehen und zu versuchen, das Unerwartete auf Sendung zu bringen“, sagt Hary Raithofer, der den Sender 2004 verlassen hat. Benny Hörtnagl, der seit 2004 bei Ö3 als Moderator tätig ist, erzählt, dass er einem prominenten Künstler, der heuer ebenfalls seinen 50. Geburtstag feierte, alles Gute gewünscht hat. „Wünsch mir nicht alles Gute, sondern wünsch mir einfach, dass ich mit dem, was in den nächsten Jahren passiert, gut umgehen kann“, so der prominente Künstler zu Hörtnagl. „Das ist ein Wunsch, den ich auch Ö3 mitgeben möchte. Nämlich dass wir mit dem, was auf uns zukommt, gut umgehen können. So, wie wir es bisher gemacht haben.“

Horizontale LinieFoto: Hitradio Ö3 / Roman Pfeiffer
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