Anita Zielina im Porträt

Nach Stationen bei Standard und Stern ist Anita Zielina heute Chefredakteurin Neue Produkte bei der NZZ. Ihr jüngstes Projekt: das Lifestyle-Portal NZZ Bellevue. HORIZONT traf sie zum Gespräch.

Erschienen in HORIZONT 44/16

Porträt Anita Zielina

Mit Dean Baquet, dem Chefredakteur der New York Times, Mittagessen gehen. Hätte Anita Zielina eine Bucketlist, würde dieser Punkt ganz oben stehen. „Ich finde, dass die New York Times in der Vergangenheit viel richtig und viel falsch gemacht hat. Und darum würde ich einfach gerne seinen Blick darauf kennen – auf das Richtige, aber auch auf das Falsche“, erzählt Zielina mit einer Neugier in ihren Augen, die sie seit jeher antreibt. Den Austausch mit inspirierenden Persönlichkeiten wie Dean Baquet sei ihrer Meinung viel mehr als ein Hobby, eher würde sie es als „Lebensinhalt“ definieren. „Für mich ist es das Erholsamste und Inspirierendste, mich mit solchen Menschen auszutauschen.“ Mit „solchen Menschen“ meint sie jene Menschen, die sich im Kern mit der Frage, wie die Digitalisierung Medien verändert, befassen. Auf diese Frage Antworten zu finden, sei nur in Allianzen möglich. Und sie muss es wissen.

Denn seit Mai 2015 ist Anita Zielina Chefredakteurin Neue Produkte bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) in der Schweiz. In ihren Verantwortungsbereich fallen bestehende Onlineplattformen wie NZZ.ch und der Österreich-Ableger NZZ.at sowie die Konzeption und Umsetzung neuer Produkte. „Die Branche, in der wir arbeiten, und die Probleme, die wir versuchen zu lösen, stellen eine große Herausforderung dar. Im Endeffekt müssen wir Entscheidungen treffen, von denen man nicht mit Sicherheit wissen kann, ob sie richtig sind.“ Entscheidungen hatte sie in der Vergangenheit einige zu treffen.

Eine Magazin-auf-Papier-Leserin

Nach Aufenthalten in Stanford und Hamburg lebt Zielina nun also in Zürich. Wurzeln schlagen geht bei ihr schnell. „Ich bin niemand, der sehr lange mit Städten fremdelt. Heimat ist und bleibt natürlich immer Wien“, erzählt die gebürtige Wienerin, die drei Jahrzehnte ihres Lebens in der Bundeshauptstadt gelebt hat, bevor ihr Leben „ein bisschen internationaler“ wurde, wie sie sagt. Ungefähr im Sechs-Wochen-Takt kehrt sie zu ihren Wurzeln zurück, um „48 bis 72 Stunden Wien im Akkord“ zu erleben. Der Besuch vieler Beisl und traditioneller Kaffeehäuser wie dem Prückel, dem Bräunerhof und dem Tirolerhof gemeinsam mit Familie, Freunden und ehemaligen Kollegen stehe dann ganz oben auf der Agenda. „Ich versuche wienerisch zu essen, zu trinken und Zeitung zu lesen.“ Wien mit allen Sinnen inhalieren ist ihr Motto.

Apropos Zeitung lesen: Neben ihrer Heimat waren es auch ihre Wahlheimaten, die ihr Mediennutzungsverhalten nachhaltig prägten. „Ich bin eine Magazin-auf-Papier-Leserin, abgesehen von meinem natürlich sehr intensiven digitalen Medienkonsum.“ Zu ihrem Standard-Repertoire zählen etwa brand eins, The Atlantic, das profil und der Spiegel. Dass sie selbst einmal in der Medienbranche arbeiten werde, war nicht schon in der Kindheit in Stein gemeißelt. Berufswünsche hatte sie einst nämlich viele. Ihre Liebe zur Sprache hat sich aber schon früh herauskristallisiert. „Ich habe gelesen, geschrieben, mich in Worte und in Sprachen hinein vertieft und mit Sprache gearbeitet.“ Naiv, wie sie heute sagt, schrieb sie direkt nach der Matura an dutzende Redaktionen Briefe. Schon damals war sie mit dem dafür notwendigen Mut ausgestattet, ins kalte Wasser zu springen, von dem sie auch heute noch kein bisschen verloren hat.

Auf Praktika und freiberufliche Tätigkeiten in unterschiedlichen Medienunternehmen folgte 2004 ihr erster Job beim Standard. In einer unipolitisch spannenden Zeit – die Themen drehten sich um die Studiengebührendebatte, den Numerus clausus und den Bologna-Prozess – baute sie eine Bildungsplattform auf. Von hier aus war es nur noch ein Katzensprung in die Innenpolitik. Von 2007 bis 2011 leitete sie dann die Ressorts Innenpolitik und Bildung, bevor sie 2011 als erste Österreicherin für das John S. Knight Journalism Fellowship an der Stanford University ausgewählt wurde. Im Rahmen dieses Programms forschte sie zu Medieninnovation und zur Frage, wie Medien am besten mit ihren Usern interagieren können.

Ihr Jahr in den USA habe ihren Blick auf Veränderungen und auf Medien nachhaltig geprägt. Und ihre Karriere noch einmal so richtig beflügelt. Nach ihrer Rückkehr aus Stanford wurde sie im Oktober 2012 stellvertretende Chefredakteurin von Der Standard und derstandard.at. In dieser Funktion sollte sie sich um die bessere Zusammenarbeit zwischen Online und Print kümmern. Ein halbes Jahr später kam es dann zu einem überraschenden Wechsel: Im Mai 2013 wurde sie Digitalchefin des Stern, wo sie den Onlineauftritt des Magazins leiten und neu konzipieren sollte, im September 2013 stieg sie dort zur stellvertretenden Chefredakteurin auf.

Viele Bälle in der Luft

Heute spricht sie von großen Entscheidungen, die sie in den letzten Jahren zu treffen hatte. Ihr Mann Klaus Weinmaier hat jede einzelne davon mitgetragen. Weinmaier ist einer der Mitbegründer von derstandard.at und mittlerweile selbstständiger Medienberater. Er begleitete Zielina in die USA, nach Deutschland und in die Schweiz. „Als wir gemerkt haben, dass unser Leben ein bisschen internationaler wird, haben wir eine Entscheidung getroffen: Wenn sich für einen von uns beiden an einem anderen Ort eine Chance auftut, dann gehen wir beide oder gar nicht.“

Dass sie in kurzer Zeit eine so steile Karriere hinlegen konnte, führt sie auf das Zusammenspiel verschiedener Faktoren zurück. Ein wichtiger Aspekt sei, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. In den Schoß gefallen seien ihr die Dinge allerdings nie. „Ich habe immer hart gearbeitet. Weil ich es gerne mache und weil ich einen gewissen Perfektionsdrang habe. Wenn ich also etwas mache, dann will ich es auch richtig gut machen.“ Neben einem Quantum Glück und einer Portion harter Arbeit, sei es vor allem Mut, den es dafür braucht. „Ich habe nie aus Angst – und das unterscheidet mich schon von anderen – ob ich etwas vielleicht nicht kann, eine Herausforderung abgelehnt.“

Ihr beruflicher Alltag erfordere es heute aber nicht nur, immer wieder aufs Neue Herausforderungen anzunehmen, sondern auch viele Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten und Durchsetzungskraft an den Tag zu legen. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mein Alltag und mein Leben nicht auch durchaus anstrengend sind. Und dass ich mich bisher immer gut durchsetzen konnte, heißt nicht, dass es nicht manchmal sehr schwer war, sich gut durchzusetzen.“ Nicht aber aus dem Grund, weil sie eine Frau ist, wie sie festhält. Sie habe auch noch nie einen Job nicht bekommen, weil sie eine Frau war. „Ich weiß, dass das relativ rar ist, und ich weiß, dass extrem viele Frauen in der Medienbranche und in anderen Bereichen nicht so eine luxuriöse Situation haben und das ärgert mich maßlos.“ Sie habe immer das Glück gehabt, mit „extrem emanzipierten, intelligenten Chefs“ zu arbeiten.

Nun ist sie selbst Chefin und strebt in dieser Position in erster Linie eine Sache an: Eine offene Gesprächskultur. Mit ihren Mitarbeitern sei es ihr besonders wichtig, ein Verhältnis zu pflegen, in dem diese sich auch zu sagen trauen, was gut und was weniger gut ist. „Das halte ich für wahnsinnig wertvoll, weil je höher man aufsteigt, desto weniger sagen einem die Menschen, was sie wirklich denken.“ Ihre Befriedigung aus dem Job ziehe sie vor allem daraus, mit Menschen in unterschiedlichen Projekten und Prozessen zusammen zu arbeiten. „Ich wäre nicht glücklich, wenn ich auf einer einsamen Insel Strategiepapiere schreiben würde.“ Allerdings wisse sie es auch sehr zu schätzen, „einmal einen halben Tag zu haben, wo ich in meinem Büro sein kann und etwas von vorne bis hinten durchdenken kann“. Ist das der Fall, dann befinden sich auf ihrem Schreibtisch lediglich ein Macbook, ein Telefon und eine To-do-Liste. „Ich brauche physische Ordnung um mich herum und arbeite nicht gerne im Chaos“, sagt sie. Abseits von ihrem Schreibtisch ist Ordnung aber ein Thema, zu dem sie sich immer wieder disziplinieren muss, das Thema Kreativität würde ihr hier „natürlicher zufliegen“. Dinge weiter zu entwickeln und neu zu entwickeln – das ist es, was sie an ihrem Job am meisten reizt.

Prozess des Ankommens

Heute sagt Anita Zielina: „Jede Station – sowohl an der Stanford University, als auch beim Standard und beim Stern – bedeutete für mich völlig neue Gegebenheiten und Rollen, aus denen ich wahnsinnig viel mitnehmen konnte.“ Besonders intensiv war für sie ihr Jahr in den USA. Die Option, eines Tages dorthin zurückzukehren, hält sie sich offen. „Ich habe das Land gerne, ich habe es zwiespältig gerne. An den Präsidentschaftswahlen kann man sehen, wie zwiespältig dieses Land auch selbst ist.“ Wer Anita Zielina kennt, weiß, dass sie noch längst nicht angekommen ist, obwohl sie gerade da ist, wo sie sein möchte. „Mein Job und mein Privatleben erfüllen mich. Es klingt sehr langweilig, aber wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich mir eigentlich wünschen, dass es so weiter geht.“

Zur Person

Ihre Karriere begann Anita Zielina 2004 bei derstandard.at, wo sie mit dem Aufbau einer Bildungsplattform begann. Von 2007 bis 2011 leitete sie dort die Ressorts Innenpolitik und Bildung, bevor sie 2011 als erste Österreicherin für das John S. Knight Journalism Fellowship an der Stanford University ausgewählt wurde. Nach ihrer Rückkehr aus Stanford wurde sie im Oktober 2012 stellvertretende Chefredakteurin von derstandard.at und Der Standard. Im Mai 2013 wechselte sie als Digitalchefin zum Stern, im September 2013 wurde sie dort stellvertretende Chefredakteurin. Seit Mai 2015 ist sie Chefredakteurin Neue Produkte bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).

Horizontale LinieFoto: NZZ
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