Arbeitswelten der Zukunft

Moderne Büros sollen Mitarbeiter kreativer und kommunikativer machen. Dadurch wiederum sollen Leistung und Motivation steigen. Neue Beispiele zeigen: Es scheint zu funktionieren.

Erschienen in bestseller 03/16

Arbeitswelten der Zukunft

Wenn Mitarbeiter des Leipziger Trendinstituts von Sven Gábor Jánszky etwas besprechen wollen, können sie sich in die Kilimandscharo-Hütte zurückziehen. Oder in den Garten-Raum, das Kinderzimmer, auf den New Yorker Broadway oder in die Buddha-Bibliothek. Vollflächige Motivtapeten entführen in andere Welten, die einen an alles Mögliche erinnern – nur nicht an ein Büro. Das Unternehmen hat sich sein extravagantes Design nicht nur zur Marke gemacht, sondern zur Aufgabe. „Innovation kann erst entstehen, wenn Tabus angegangen werden“, sagt Jánszky, der auch gleich alle Schreibtische entfernen ließ. Wer seine Mitarbeiter mit anderen kommunizieren sehen möchte, müsse ihnen eben die Möglichkeit nehmen, sich still am Schreibtisch zu verstecken. Das Ziel: Leistung und Motivation sollen steigen. Laut Jánszky ist das gelungen: „Schnelligkeit und Qualität der Arbeit sind merklich gestiegen, ebenso wie Selbstorganisation und Stressresilienz der Mitarbeiter sowie die allgemeine Zufriedenheit.“

Neue Bedürfnisse der Mitarbeiter

Das Trendinstitut ist ein Beispiel für Unternehmen, die Arbeitsräume radikal umgestalten. Offene Strukturen statt abgeschotteter Einzelbüros. Ein Trend, der in Amerika bereits Mode ist und nun nach Europa überschwappt. Laut einer Umfrage von Citrix sind mehr als 40 Prozent der befragten Führungskräfte überzeugt, dass mobile Arbeitsplätze das klassische Büro verdrängen werden. Es sind also nicht nur mehr die jungen Technik-Junkie-Firmen wie Google oder Facebook, die neue Raumkonzepte forcieren und den Mitarbeitern mit Billardtischen, Swimmingpool und Joggingrouten sämtliche Annehmlichkeiten schaffen. Denn: Die Generation Y wünscht eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatleben. Wichtig sind ihr flache Hierarchien und eine gute Zusammenarbeit mit den Kollegen. Das Büro entwickelt sich zum Lebensraum. Und wer sich dort wohlfühlt, erledigt seine Arbeit motivierter, sagen Experten. Kein Wunder, dass mitten im Silicon Valley gerade ein architektonisches Raumschiff der Zukunft landet: der neue Apple Campus. 13.000 Mitarbeiter sollen darin arbeiten, mit Blick auf unzählige Grünflächen. Sie sollen sich eins mit der Natur fühlen, heißt es, und sie können das Gelände auf kilometerlangen Lauf- und Radwegen erkunden. Oder beim Wellness-Center stoppen und sich eine kurze Arbeitspause gönnen. Kolportierte Kosten: rund fünf Milliarden Dollar, die genaue Summe verrät Apple nicht.

Neue Konzepte sparen Geld

Aber es muss ja nicht gleich so viel kosten, um Büros zukunftsfit zu machen. Im Gegenteil: Man kann mit neuen Konzepten sogar sparen. Geht es nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation, sprach sich der Großteil der Befragten für „eine flexible Arbeitsplatznutzung bei geringer Dichte aus“ anstelle einer „festen Arbeitsplatzzuweisung in dicht gedrängten Strukturen“. Bedeutet: Es sind weniger Schreibtische (und damit weniger Quadratmeter) nötig, dafür aber eine exakte Planung und ein funktionierendes Reservierungstool. Ein pikantes Detail liefert auch die Empirica-Research-Studie zu dem Thema: Demnach könne die Büroeinrichtung „zur Identifikation mit der Unternehmenskultur beitragen und in einer höheren Leistungsbereitschaft resultieren. „Unternehmen wird nahegelegt“ in Arbeitsplatzdesign und eine moderne Unternehmenskultur zu investieren, anstatt junge Talente mit einem höheren Gehalt zu locken. Diese Herangehensweise sei nicht nur zeitgemäßer, sondern auch kosteneffizienter.

Beispiele aus Österreich

Wie Gebäudearchitektur und Arbeitsraumgestaltung der Zukunft aussehen können, zeigt der Erste Campus. Er befindet sich im Wiener Stadtteil Quartier Belvedere, in den nach Fertigstellung im Frühjahr dieses Jahres etwa 4.500 Mitarbeiter übersiedelten. Zum ersten Mal in der Firmengeschichte sind die Mitarbeiter der Erste-Holding, der Erste Bank Österreich und aller in Wien ansässigen Tochterfirmen unter einem Dach vereint. „Die Räume müssen so gestaltet sein, dass sie verschiedene Arbeitsplatzformen zulassen, die Form der Zusammenarbeit stetig zu verändern“, sagt Michael Mauritz, Leitung Konzernkommunikation der Erste Group. Fixe Arbeitsplätze gibt es keine mehr, Mitarbeiter bestimmen flexibel, wo und wie sie arbeiten wollen. Die Räume heißen auch nicht mehr Büro sondern „Homebase“, es gibt Standard-, Fokus- und Gruppenarbeitsplätze. Dazu wurden Bewegungszonen für Kommunikation und Rückzugsmöglichkeiten geschaffen.

Ein weiteres Beispiel ist das im Vorjahr eröffnete Styria Media Center. Das als „Green Building“ konzipierte Gebäude folgt, was Materialien, Energieeffizienz und Klimatisierung betrifft, international höchsten Standards. Herzstück des Medienhauses ist der multimediale Newsroom. Er ist ein sichtbares Zeichen jenes Transformationsprozesses, den das Unternehmen als Antwort auf die Umbrüche in der Medienlandschaft und -nutzung in Angriff genommen hat. Hubert Patterer, Chefredakteur der Kleinen Zeitung: „Ein Newsroom ist ein Basislager, von dem man aufbricht und in das man zurückkehrt, ähnlich einer Expedition ins Gebirge.“ Der Newsroom hat 3.700 Quadratmeter Nutzfläche und ist mit 220 Arbeitsplätzen ausgestattet. Davon entfallen 165 Arbeitsplätze auf die Kleine Zeitung und 55 Arbeitsplätze auf den Radiosender Antenne Steiermark und die Radio Content Austria. Die Einteilung ist etwas Besonderes: Jeweils drei Arbeitsplätze bilden ein Dreigestirn, das über einen Verbindungsteil zum nächsten führt. Die einzelnen Bereiche weisen jeweils zwei schlanke, rahmenlose Bildschirme auf, die sich flügelartig vor den Mitarbeitern aufspannen. Wer noch mehr Ruhe wünscht, kann die Rückzugsinseln nutzen. Kommunikationszonen sind jeweils am Ende des Baukörpers und in den Küchen eingerichtet.

Auch die Österreichische Post wird mit ihrer neuen Unternehmenszentrale „Post am Rochus“ im dritten Wiener Gemeindebezirk eine zukunftsorientierte Gebäudearchitektur und Arbeitsraumgestaltung schaffen. Der Spatenstich für den Bau erfolgte im Frühjahr 2015, Ende 2017 soll das Gebäude bezugsfertig sein. Gebaut wird das achtstöckige Büro- und Geschäftsgebäude, das auf 49.000 Quadratmetern Gesamtfläche Platz für 1.300 Personen bietet, auf der Post-eigenen Liegenschaft. Michael Ullrich, Leiter der Konzernimmobilien der Österreichischen Post: „Die Architektur selbst muss ein Wechselspiel zwischen Kommunikationszonen und Konzentrationsbereichen ermöglichen. Unser Ziel ist es, Mitarbeitern moderne Arbeitswelten mit breitem funktionellem Angebot und hochwertiger Ausstattung zur Verfügung zu stellen.“ Dabei wird die Arbeitsplatzgestaltung in erster Linie an die Besonderheiten der Jobprofile angepasst. Die neue Unternehmenszentrale der Post wird sowohl flexible als auch fixe Arbeitsplätze beherbergen, um die bestmögliche Nutzung der Räume zu gewährleisten. So bekommen etwa Vertriebsmitarbeiter, die mehrmals in der Woche bei Kunden unterwegs sind, wechselnde Schreibtische. Für Konzentration und Kommunikation gibt es separate Bereiche.

Das vernetzte Büro

Auch die Digitalisierung wird in der Gestaltung der Büros von morgen eine gewichtige Rolle spielen. Derzeit werden von internationalen Konzernen Tools getestet, die über Sensoren funktionieren und sowohl Organisation erleichtern als auch das Wohlbefinden der Mitarbeiter steigern sollen. Künftig könnten Screens anzeigen, welche Plätze frei sind und welche Temperaturen dort herrschen. „Bitte nicht stören“-Tasten lösen rote Lampen aus, die deutlich machen, wenn man Ruhe benötigt. Und: Der Screen erinnert nicht nur an das nächste Meeting, sondern auch daran, sich regelmäßig zu bewegen. In die Schreibtischstühle integrierte Sensoren kontrollieren Sitzhaltung und Stresslevel. Na dann kann die Zukunft ja kommen.

Horizontale LinieFoto: Fotolia / Sergey Nivens
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