„Content und Design dürfen sich nicht ausspielen“

Zeitungsdesigner Lukas Kircher über Blattgestaltung von morgen, das Zusammenspiel von Layout und Inhalten und warum er Inspiration in der Kirche sucht.

Erschienen in HORIZONT 08/17

HORIZONT: Welche Zeitungen lesen Sie eigentlich am liebsten?

LUKAS KIRCHER: Bis auf das Handelsblatt lese ich keine Zeitungen mehr auf Papier. Wenn ich in Österreich auf Besuch bin, lese ich außerdem meine geliebte Kleine Zeitung.

Für diese haben Sie allerdings auch das Redesign verantwortet. Wie sieht die Herangehensweise eines Editorial Designers bei einer regionalen im Vergleich zu einer überregionalen Zeitung aus?

Je lokaler die Zeitung ist, desto stärker beschäftigen wir uns auch mit dem lokalen Design, damit sich die Menschen da auch in Zukunft zu Hause fühlen. Hier spielt die Kultur vor Ort eine große Rolle: Wie schauen die Bars, Geschäfte und Restaurants aus? Ich gehe auch gerne einmal in eine Kirche und schaue, welche Farben dort verwendet werden, um ein Gefühl für die Designsprache zu bekommen. Leser sind sehr intelligent darin zu unterscheiden, ob etwas nur anders oder auch besser ist. Ein Beispiel: Typografie verändert sich oder Typografie verändert sich und ist besser lesbar. Oder: Farbe kommt ins Blatt oder Farbe kommt ins Blatt und hilft mir, besser den Überblick zu behalten.

Wenn Sie alle Ihre Aufträge im deutschsprachigen Raum betrachten: Hatten Sie zu einem einen ganz besonderen Bezug?

Zur Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die ich von den ersten Ideen bis zum Marktgang mitbegleitet habe. Hier hatte ich die große Ehre, über ein Jahr lang mit Frank Schirrmacher (der mittlerweile verstorbene und damalige Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Anm.) zusammen zu entwickeln, zu denken, zu verwerfen und neu zu machen. Das war eine grandiose Zeit.

Sie haben Redesigns schon für eine Reihe von unterschiedlichen Kunden gemacht – von der Tageszeitung Österreich über den Kurier bis hin zur Maxima. Wenn Sie sich die verschiedenen journalistischen Gattungen ansehen: Worauf kommt es für Leser beim Design an?

Qualitätsleser haben eine sehr protektionistische Haltung zu Design und sind der Meinung, dass man am Zeitungsdesign möglichst nichts ändern darf. Das ist auch der Grund, warum man bei Qualitätsmedien oft in sehr kleinen Schritten in eine Richtung geht, die moderner ist. Während für Boulevardleser Design eine untergeordnete Rolle spielt – ein Farb- oder Schriftwechsel würde den meisten gar nicht auffallen.

Wohl im Gegensatz zu großen Brüchen; welche absolute No-Gos beim Zeitungsdesign gibt es denn?

Absolute No-Gos sind Veränderungen, die keinen funktionalen Mehrwert bieten. Gutes Editorial Design hilft erstens dabei, das Zeitproblem, das alle Menschen haben, zu deckeln und macht es Lesern möglich, mit jedem Zeitbudget die Zeitung mit einem großen Erkenntnisgewinn zu lesen. Es geht um Querlesemöglichkeiten und schnelle Navigation durch das Blatt. Zweitens spielt das Handwerkliche im Editorial Design eine wichtige Rolle. Wir werden nun mal älter und da hilft es nicht, wenn wir die Schrift kleiner machen. Wir dürfen aber auch nicht überkompensieren und nur mehr kurzatmige Kurznachrichten anbieten, sondern eine gute Mischung. Und drittens braucht jede Zeitung einen Charakter. Nur auf Funktionalität zu setzen funktioniert nicht, eine Zeitung braucht auch Elemente, bei denen sich der Leser fragt, was das ist. Damit meine ich Dinge, die es historisch schon lange in der Zeitung gegeben hat und einfach Bestandteil dieser sind. Eine Zeitung darf nicht nur ein Gegenstand sein.

Zu beobachten ist, dass der Trend bei internationalen Zeitungen tendenziell in die magazinige Blattmachung geht…

Wenn ich eine Zeitung weiterhin verkaufen will, muss ich exklusive Aufmachungen und Inhalte bieten, was für eine magazinigere Gestaltung der Zeitungen spricht. So ein Zeitungsabonnement ist in der Kategorie „Ausgaben pro Monat“ ja nicht unbedingt das Billigste. Darum müssen Zeitungen immer wieder beweisen, dass hier absolute Qualität ausgeliefert wird und das hat auch mit dem Erscheinungsbild zu tun.

Versteht man unter gutem Zeitungsdesign im D-A-CH-Raum etwas anderes, als in den USA?

Die amerikanischen Leser sind viel ungeduldiger, darum stirbt die gedruckte Zeitung in den USA viel schneller als bei uns. Das hat auch damit zu tun, dass die amerikanischen Tageszeitungen von jeher im Design viel grauenhafter gemacht waren. Diese hatten zwar immer sehr tolle Aufschlagseiten, aber dahinter war der absolute Friedhof. Sie zu lesen war einfach nie ein Vergnügen, weil sie schlimm gemacht waren.

Klingt danach als sei Design fast alles. Manche Blattmacher meinen gar, gutes Layout kann Texte aufwerten. Wie sehen Sie das?

Wir wissen aus vielen Tests, dass Content als schlechter recherchiert und qualitativ weniger hochwertig wahrgenommen wird, wenn das Erscheinungsbild unprofessionell ist. Diese Wechselwirkung gibt es schon, insgesamt muss man aber aufpassen, dass man Content und Design nicht gegeneinander ausspielt.

Haben Sie eigentlich ein Vorbild?

Ich bin ein großer Fan von Robert Lockwood und Mario Garcia. Editorial Designer zu sein ist kein Selbstverwirklichungsberuf, sondern man muss ein starkes Sensorium dafür entwickeln, wie es dem Leser, der seit mehreren Jahrzehnten eine bestimmte Zeitung liest, geht, was dieser an Veränderungen benötigt und welche er gar nicht will.

Ihre Agentur C3 Creative Code and Content hat Standorte in neun europäischen Städten. Haben Sie als gebürtiger Österreicher nie mit dem Gedanken gespielt, in Wien ein Büro zu eröffnen?

Ich habe es vor ein paar Jahren sogar einmal versucht, bin damit aber gnadenlos gescheitert. Projektbezogen setzen wir immer wieder Dinge in Österreich um, aber es hat noch nicht für einen eigenen Standort gereicht. Ich gebe aber nicht auf. Jede Ausrede, öfters nach Österreich zu kommen und im „Schwarzen Kameel“ zu frühstücken, wird dankbar entgegen genommen (lacht).

ZUR PERSON

Der in Klagenfurt geborene Lukas Kircher ist Editorial Designer und Gründer sowie Geschäftsführender Gesellschafter der Medienagentur C3 Creative Code and Content. Nach dem Besuch der Meisterklasse Visuelle Mediengestaltung an der Universität für Angewandte Kunst in Wien von 1989 bis 1993 arbeitete Kircher als Design Consultant für die Tageszeitung Die Presse und stieg dort zum Artdirector auf. 1996 wechselte er als Artdirector zur Berliner Zeitung nach Deutschland. Ab 1999 leitete er die Grafik und die Entwicklungsgrafik des Magazins Stern. 2000 gründete er die Medienagentur KircherBurkhardt, aus der, im Jahr 2014, die Agentur C3 Creative Code and Content hervorging. Die Firma entstand aus einer Fusion von KircherBurkhardt mit der Burda Creative Group.

Horizontale LinieFoto: C3 Creative Code and Content
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