Die digitale Zukunft des Lernens

Tablets im Unterricht sind in den meisten Schulen noch eine Seltenheit. Ein Wiener Schulprojekt zeigt vor, was bald schon Alltag sein könnte.

Erschienen in HORIZONT 24/16

Die digitale Zukunft des Lernens

Englische Dialoge mit dem Tablet aufnehmen und synchronisieren, im Physikunterricht Messwerte drahtlos senden und in der Informatikstunde Lego-Windmühlen mit dem Tablet steuern: Das alles ist keine Zukunftsvision, sondern Alltag in der Neuen Mittelschule Koppstraße II, im 16. Wiener Gemeindebezirk. Sie ist die erste „iPad-Schule“ Wiens und zeigt vor, wie Unterricht mithilfe technischer Devices zeitgemäß gestaltet werden kann, welche Vorteile das mit sich bringt und wie die Zukunft des Lernens aussehen könnte.

Für 329 Schüler im Alter von elf bis 15 Jahren sind Tablets zentraler Bestandteil des Unterrichts – das war aber nicht immer so. Gestartet wurde vor vier Jahren mit einer Versuchsklasse. Vor zwei Jahren begann dann die flächendeckende Einführung. Seit diesem Schuljahr werden alle 14 Klassen ab der fünften Schulstufe als iPad-Klassen geführt. Das heißt, der Unterricht wird in Ergänzung zu herkömmlichen Unterrichtsmaterialien mit Tablets abgehalten. Jedem Schüler steht ein eigenes Tablet zur Verfügung – der Großteil der Geräte wurde von den Eltern finanziert. Den Kindern finanzschwacher Eltern wird ein Leihgerät der Schule zur Verfügung gestellt.

Individueller Lernerfolg

Der Einsatz von Tablets im Unterricht scheint eine Win-win-Situation für beide Seiten zu sein. Die Schüler, sagt Direktor Wilhelm Wunderer, seien nicht nur motivierter und leistungsstärker, sondern würden dadurch auch digitale Medienkompetenzen erwerben. Lehrer wiederum würden neben dem Einsatz von zeitgemäßen Unterrichtsmethoden auch davon profitieren, ihre Schüler individueller fördern zu können. „Unterschiedliche Stärken und Schwächen unserer Schüler, teils auch bedingt durch Migrationshintergrund und ungleichmäßige Lernfortschritte erfordern pädagogische Expertise. Mithilfe der Tablets können wir unsere Schüler individuell fördern und somit einen größeren Lernerfolg garantieren“, sagt Wunderer. Ein System macht es Lehrern möglich, die Tablets der Klasse mit einem geringen Aufwand zu verwalten: So kann die Installation einzelner Apps durch einen Klick für die gesamte Klasse vorgenommen oder nur eine App für alle freigegeben werden. Kritiker sprechen von Kontrolle, Projektleiter Ingo Stein kontert mit der Möglichkeit der individuellen Lernbetreuung und ergänzt: „Die Schüler erwerben dank neuer Formen der Teamarbeit und zeitgemäßer Unterrichtspraxen mehr Selbstständigkeit und erlernen spielerisch die für den Arbeitsmarkt immer wichtiger werdenden digitalen Medienkompetenzen.“

Um die Digitalisierung in den Schulen voranzutreiben müssten auch entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden, fordert der Bildungsexperte Andreas Salcher, Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule. Neben dem passenden rechtlichen Umfeld sowie pädagogisch geschultem Personal im Umgang mit digitalen Lehrmitteln gehe es auch um die Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur: „So wie Wasser und Strom brauchen Schulen funktionierendes WLAN“, sagt Salcher und ortet einen Investitionsbedarf von 200 Millionen der Breitbandmilliarde in die technische Ausstattung der Schulen.

Probleme mit WLAN

Insbesondere mit dem WLAN gebe es auch in der Mittelschule Kopp II Probleme. Wiens Stadtschulratspräsident Jürgen Czernohorszky weist die Verantwortung von sich und bekräftigt einmal mehr seine Unterstüzung, wenn es um die Digitalisierung an Wiens Schulen geht: „Die Möglichkeiten der Individualisierung durch Digitalisierung sind groß. Digitale Medien sind längst Teil unserer Lebenswelt geworden. Uns geht es vor allem darum, sie auch pädagogisch sinnvoll in den Schulen einzusetzen.“

Horizontale LinieFoto: Stefan Gergely
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