„Ein Angebot für die ganze Welt“

Vor einem Jahr ging die digitale Klassikplattform fidelio an den Start. Die Geschäftsführer über Abonnentenzahlen, zusätzliche Einnahmen abseits der Gebühren und Pläne, den internationalen Markt zu erschließen.

Erschienen in HORIZONT 40/17

HORIZONT: Vor einem Jahr haben der ORF und Unitel das Streaming-Portal mit Klassik-Inhalten fidelio gestartet. Was hätten Sie rückblickend in den letzten zwölf Monaten anders gemacht?

ALEXANDRA FIDA: Jedes Start-up hätte aus der Ein-Jahres-Retrospektive vieles anders gemacht. Aber darum geht es nicht. Allein das Beginnen und aus den Startlöchern kommen ist bei so einem Projekt ein Wert an sich. Das haben wir mit viel harter Arbeit geschafft.

JOHANNES EVERDING: Mehr schlafen … (lacht)

Zum Start hieß es, dass man im ersten Jahr eine vierstellige Abonnentenzahl erreichen will. Wie viele Abonnenten hat die Plattform mittlerweile?

FIDA: Wir wachsen stetig und das ist auch weiterhin ganz klar die Zielsetzung: Starkes Wachstum in einem weltweit gesehen quasi noch nicht vorhandenen Markt. Mit fidelio leisten wir Pionierarbeit.

EVERDING: In diesem Punkt haben wir wohl Herbert von Karajans Worte („Wer all seine Ziele erreicht, hat sie wahrscheinlich zu niedrig gewählt.“, Anm.) nicht befolgt. Aber wir wissen: Da geht noch mehr und wir alle freuen uns über jeden neuen Abonnenten, der uns sein Vertrauen schenkt.

Wie hoch sind die Zugriffszahlen und wie ist die durchschnittliche Verweildauer auf der Plattform?

FIDA: Das hängt natürlich immer mit Themenschwerpunkten und den angebotenen Inhalten zusammen. Bei den exklusiven Konzerten der Wiener Philharmoniker aus dem Goldenen Saal beim Livestream sind es mehr, mit höheren Verweildauern als bei Archivaufnahmen. Das ist nun wirklich ein Projekt, bei dem es auf die Qualität mehr ankommt als auf die Quantität. Es geht um den Aufbau eines nachhaltigen Stocks an Stammkunden.

In welchen zeitlichen Abständen wird das Portal mit neuem Material aufgestockt?

FIDA: Wie sie vielleicht wissen, entstehen unsere neuen Produktionen aus Synergiegründen gemeinsam mit ORF III. Die Zusammenarbeit mit Peter Schöber (Geschäftsführer von ORF III, Anm.) hat sich sehr bewährt. Aber wenn die Kollegen von ORF III alle Chips eines sehr beschränkten Budgets zum Beispiel auf den neuen „Ring“ aus dem Theater an der Wien im Dezember setzen, dann kann die Quantität vorübergehend zurückgehen. Aber die Qualität dieser Produktionen möchten unsere Kunden garantiert nicht missen. Das weiß ich auch von den Kontakten zu unseren Kunden.

EVERDING: Mindestens wöchentlich finden die Abonnenten neues Programm auf fidelio. Seit Start hatten wir mehr als 45 Live-Events inklusive Premieren und mehr als 100 neue Programme. Durchschnittlich also rund drei Programme neu pro Woche.

Zu den Content-Partnern von fidelio zählen neben Philharmonikern und Wiener Musikverein die Wiener Symphoniker, das RSO des ORF, das Wiener Konzerthaus, das Grafenegg Festival, ORF III und das Kulturradio Ö1. Wie sehr drücken diese Content-Partnerschaften eigentlich auf die Kosten?

FIDA: Ziel von Partnerschaften ist der wechselseitige Nutzen und gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.

EVERDING: Wir sehen das nicht als Kosten, sondern als Investition. Und wir hoffen, dass wir diese Partnerschaften kontinuierlich in Qualität und Anzahl ausbauen können. Nur so garantieren wir ein hochwertiges, relevantes und frisches Programmangebot für unsere Kunden.

Auf welche Summe haben sich die Einnahmen und die Kosten für fidelio in den letzten zwölf Monaten belaufen?

FIDA: Ich bin vom privaten Miteigentümer nicht autorisiert, Geschäftszahlen bekannt zu geben. Da wir noch ein sehr junges Unternehmen sind – de facto immer noch in der Start-up-Phase – hätten diese Zahlen derzeit noch wenig Aussagekraft.

Wie argumentieren Sie eigentlich, dass der Öffentlich-rechtliche mit fidelio zusätzliche Einnahmen abseits der Gebühren lukriert – sollten Kulturinhalte wie diese nicht Teil des öffentlich-rechtlichen Angebots sein und damit kostenlos zur Verfügung stehen?

FIDA: Erstens werden keine Einnahmen lukriert, die den Aufwand übersteigen. Zweitens ist der barrierefreie Zugang zu Kulturinhalten auf den regulären ORF-Programmen und auf der ORF TVthek mfangreicher als auf allen vergleichbaren General-Interest-Programmen. Aber es gibt vertieftes und hochspezialisiertes Interesse bei einer kleinen Zielgruppe, die bereit ist, für ihre Inhalte zu bezahlen – was es uns erst möglich macht, diese Inhalte zu erschließen.

EVERDING: Ich erlaube mir hier kein Urteil, was Teil des öffentlich-rechtlichen Angebots sein sollte und was nicht. fidelio hat den Anspruch, nicht nur in einem Land den klassikinteressierten Menschen ein Angebot zu machen, und schon daraus ergeben sich rechtliche wie auch kostenbedingte Herausforderungen. Wir glauben an ein umfassendes und heterogenes Medienangebot für Kulturinhalte und dafür braucht es mehrere Ansätze und Player.

Aufgrund von Verlusten in den hohen Hunderttausendern – 800.000 Euro wurden für das Jahr 2016 kolportiert – soll Flimmit stark redimensioniert und zum öffentlich-rechtlichen Angebot umgebaut werden. Könnte fidelio in absehbarer Zukunft dasselbe „Schicksal“ ereilen?

FIDA: Weder kenne ich die Flimmit-Zahlen, noch halte ich die zwei Projekte für vergleichbar.

Auf der Agenda steht, fidelio in den internationalen Markt zu bringen. Für dieses Jahr war vorgesehen, die deutschsprachigen Märkte zu erschließen. Wie weit sind diese Pläne mittlerweile fortgeschritten?

FIDA: Klar ist, dass das ein Angebot für die ganze Welt ist. Wann und wie wir über die D-A-CH-Region hinauskommen, ist eine komplexe rechtliche und technische Frage. Unser Fokus liegt im kommenden Jahr auf den deutschen Markt – und da werden die Erfahrungen aus Österreich nützlich sein.

EVERDING: Wir haben stetig unser Programmangebot auch für den deutschen Markt weiterentwickelt. Auch wenn Österreich das Land der Klassik ist, erfreuen wir uns schon jetzt an der reichen deutschen Klassiklandschaft.

Gibt es international eine digitale Klassikplattform, die sich fidelio zum Vorbild nimmt?

FIDA: Die meisten Streaming-Projekte im Bereich der Klassik sind audiobasiert, nur die Kollegen vom Pariser „medici“ fokussieren wie wir auf Videoinhalte. Ihr Geschäftsmodell ist aber ein anderes. Der Spirit, mit dem Hervé Boissière (Gründer von „medici“, Anm.) und sein Team das machen, ist für mich inspirierend.

EVERDING: Für uns ist jedes Produkt mit Klassikinhalten ein Vorbild – viele Kollegen machen vieles schon lange richtig gut. Aber fidelio taugt auch sehr gut als Vorbild.

Wie wird fidelio beworben, damit das Portal seine spezifische Zielgruppe der Klassikliebhaber auch erreicht?

FIDA: Wir nutzen das klassische Handwerkszeug des Digital Marketings: SEO, Social Media, Banner und Newsletter. On-The-Ground-Aktivitäten waren im Festspielsommer in Bezug auf Neukundengewinnung und Brand-Awareness sehr wichtig. fidelio war zum Beispiel in Salzburg, Bregenz und Grafenegg präsent. Unsere erste Printvertriebskooperation hatten wir 2016 mit der Presse. Und 2017 mit der Krone-BonusCard und den Salzburger Nachrichten.

Welche persönliche Vision haben Sie von fidelio, wohin soll sich die Plattform in den nächsten Jahren noch entwickeln?

FIDA: Die Vision ist ganz einfach: Österreich ist in den Augen der Welt das Land von Haydn, Mozart, Bruckner und Mahler, um nur einige zu nennen. Es ist das Land, in dem der beste Konzertsaal und das beste Opernhaus stehen, das Land der besten Orchester der Welt, im Fall der Wiener Philharmoniker sogar des allerbesten. Das ist das größte Kapital der Marke Österreich. Dieses zu mehren ist die Vision und erfüllt uns seitens des ORF mit Stolz.

EVERDING: Wenn fidelio für Klassikinteressierte nicht mehr nur die bezaubernde Oper von Beethoven ist, sondern ein Synonym für die digitale Klassikbühne.

ÜBER FIDELIO

Die am 8. September 2016 an den Start gegangene digitale Klassikplattform fidelio ist unter der technischen direktion von Michael Götzhaber und dessen Stellvertreter Thomas Prantner angesiedelt. Im Kern besteht das Angebot aus vier Säulen: einer umfangreichen Klassithek, einem redaktionell gestalteten 24-Stunden-Kanal, hochkarätigen Live-Events und Hintergrundinfos. „Klassik ist modern, Klassik ist spannend und fidelio beweist dies mit hochkarätigen, einzigartigen Kulturhighlights. Ich freue mich, dass wir mittlerweile zahlreiche Kooperationspartner aus der Wirtschaft für dieses Premium- Produkt interessieren konnten“, sagt Prantner. Mehrmals pro Woche finden die Abonnenten neues Programm auf fidelio: Seit Start hatte die Plattform mehr als 45 Live-Events inklusive Premieren und mehr als 100 neue Programme. „Nun gilt es, darauf aufzubauen, das Portal sukzessive inhaltlich und technisch weiterzuentwickeln und möglichst viele neue Kunden dafür zu gewinnen. Unsere Vision ist ganz klar: Wir wollen fidelio zu einem Must für alle Klassikfans und vor allem auch den hunderten Musikschülern Österreichs ein digitales Qualitätsangebot ergänzend zu ihrer Ausbildung machen“, so Prantner. Die Durchführung obliegt der Klassik Digital Vertriebs-GmbH, an der der ORF und das Filmproduktionsunternehmen Unitel mit je 50 beteiligt sind.

Horizontale LinieFoto: KDV
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