Gib mir deine Daten, und ich sage dir, wer du bist!

Gesundheits- und Sport-Apps boomen. Die Idee: Selbstanalyse. Das Handwerk: Selbstvermessung. Das Ziel: Selbstoptimierung. Dadurch entstehen Datenmeere, die Unternehmen in die Hände spielen und Datenschützer auf die Barrikaden steigen lassen.

Erschienen in BLANK 01/15

Gib mir deine Daten

Die 34-jährige Biologin und Naturwissenschaftlerin Mia Holl steht als Angeklagte vor Gericht. Die Richterin wendet ihren Blick keine Sekunde von Mia ab, während die Protokollführerin nach Mias Oberarm greift, um ihr den Chip unter der Haut zu entnehmen. Dieser Chip misst Mias Blut-, Schlaf- und Urinwerte. Die gespeicherten Daten bestätigen: Mia hat eine Zigarette geraucht. Das ist auch der Grund für ihre Vorladung vor Gericht und ihre darauffolgende zweijährige Bewährungsstrafe.

GLÄSERNE MENSCHEN IM DIGITALZEITALTER

Die oben beschriebene Szene stammt aus dem im Jahr 2009 erschienenen Roman „Corpus Delicti“ von Juli Zeh. Darin zeichnet die deutsche Autorin das Bild einer Gesellschaft, in der der Staat die Körperfunktionen seiner Bürger rund um die Uhr kontrolliert. Worauf sie in dem visionären Roman aufmerksam machen möchte: Selbstvermessung macht im Digitalzeitalter jeden Bürger zum gläsernen Menschen. Dieser aus den USA importierte Trend hat einen Namen: Quantified Self. Quantified Self ist ein Netzwerk aus Anwendern und Anbietern von Hard- und Softwarelösungen, die Daten aufzeichnen und auswerten. In der Regel werden die eigenen Körperfunktionen mittels Smartphone und Wearables – die mit Biosensoren ausgestattet sind und so eine direkte Verbindung vom Körper zum Internet herstellen – gemessen. Zu den beliebtesten Wearables zählen Armbänder, Blutdruckmesser, Kalorienzähler, Stirnbänder und Schlafsensoren. Das Ziel dahinter: Selbstoptimierung. Also das Streben nach einem besseren, gesünderen und schöneren Ich. Die Selbstvermessung umfasst mittlerweile alle Lebensbereiche. Selbst vor getrunkenen Kaffeetassen, gelesenen Buchseiten und verbrachten Minuten an der Bushaltestelle macht sie nicht Halt.

Seinen Ausgang nahm Quantified Self im Jahr 2007, als Gary Wolf und David Kelly, die Gründer des Magazins „Wired“, im Silicon Valley die Website quantifiedself.com ins Leben riefen. Ihr Motto: „Knowledge by numbers – Selbsterkenntnis durch Zahlen“. Ende 2014 hatte die Quantified-Self-Bewegung 38.450 Mitglieder in 121 Städten und 38 Ländern weltweit. Die Mitglieder organisieren sich in 187 Meetup-Gruppen und treffen sich regelmäßig. Kern dieser Treffen ist der Austausch von Erfahrungen durch Anwender und die Präsentation von Produktideen durch Anbieter. In Österreich steckt die Bewegung noch in Kinderschuhen: Bis Ende 2014 gingen drei Treffen im IBM Client CenterWien über die Bühne und die Bewegung konnte knapp 100 registrierte Mitglieder verzeichnen.

VOM ANALOGEN ZUM DIGITALEN PHÄNOMEN

Das Bedürfnis nach Aufzeichnung von Daten hat es schon immer gegeben. Nur die Hilfsmittel zur Protokollierung sind heute andere. Der Rückblick zeigt: Aus einem analogen Phänomen wurde ein digitales. Heute werden die aufgezeichneten Daten nicht in der Schublade versteckt, sondern ins digitale Nirvana geschickt. Neu am Quantified Self sind die Ansprüche, die aufgezeichneten Daten auszuwerten und Zusammenhänge zu erkennen sowie gewonnene Erkenntnisse und Fortschritte mit der Masse zu teilen, um sich zu vergleichen.

Wer in die Welt des Selftracking eintaucht, entwickelt nicht nur ein digitales Spiegelbild, sondern lernt auch eine Menge über seine Lebensgewohnheiten. Denn wer über einen längeren Zeitraum Daten über sich selbst sammelt, kann anhand eines daraus entstehenden Informationsnetzes bestimmte Muster und Zusammenhänge erkennen: Schlafe ich besser, wenn ich mehr als 10.000 Schritte am Tag gehe? Bin ich leistungsfähiger, wenn ich Sport mache? Habe ich an Tagen Kopfschmerzen, an denen ich viel Zeit vor dem Laptop verbringe?

APP-VORREITER IN ÖSTERREICH

In zwei Lebensbereichen findet Selftracking besonders großen Anklang: In der Gesundheit und im Sport. Für chronisch Kranke und Spitzensportler gehörte das regelmäßige Protokollieren von Gesundheits- und Sportdaten schon lange vor der Entstehung von Quantified Self zum Alltag. Zweifelsohne können diese zu einem stärkeren Gesundheits- und Körperbewusstsein beitragen. Heute sind App-Stores voll mit Gesundheits- und Sport-Apps jeder Art und für die breite Masse attraktiv. Wirklich groß sind aber nur wenige Anbieter. Den österreichischen Markt teilen sich im Wesentlichen mySugr und Runtastic.

mySugr hilft Diabetespatienten beim Protokollieren von Blutzuckerwerten und dem Bewältigen ihres Alltags. Frank Westermann, CEO von mySugr, ist selbst mit Anfang 20 an Diabetes erkrankt und weiß, dass die moderne Behandlung von Typ-1-Diabetes – rund 40.000 Österreicher sind daran erkrankt – stark auf der Aufzeichnung und Analyse von Daten basiert. Am Anfang hatte er nicht den Anspruch, ein großes Business aufzuziehen. „Ich wollte einfach meine Krankheit im Griff haben. Durch die Geschäftsidee ist dann eines zum anderen gekommen“, erzählt er. Von anfangs vier Personen ist das Start-up auf knapp 20 Personen angewachsen, wovon acht Diabetiker sind. Aktuell kann mySugr 131.000 Nutzer weltweit verzeichnen und ist außer auf dem europäischen auch auf dem amerikanischen Markt vertreten.

mySugr ist aber nicht das einzige Start-up aus Österreich, das bereits erfolgreich in die USA expandiert ist. Mit Runtastic mischt ebenfalls eine österreichische Firma international auf dem Markt mit. Mit Apps zum Joggen, Radfahren und für Fitness-Übungen bietet Runtastic eine ganze Sammlung an. Im Schnitt wird jede Sekunde eine Runtastic-App heruntergeladen. Die Geschäftsidee hatten vier Absolventen der FH Oberösterreich; mittlerweile beschäftigt das Unternehmen knapp 100 Personen.

mySugr-CEO Frank Westermann und Runtastic-CEO Florian Gschwandtner versichern, dass Daten nicht weitergegeben werden. „Wenn der Kunde will, kann er seine Daten an seinen Arzt schicken. Und wenn er Bock darauf hat, kann er sie über Facebook oder Twitter teilen. Wir verkaufen und vermarkten die Daten nicht“, verspricht Westermann. Auch Runtastic nehme den Datenschutz sehr ernst und habe „alle Daten direkt in Österreich gehostet und nicht weitergegeben. Die Daten sind wichtig, um daraus einen Mehrwert für den Kunden abzuleiten und ihm zu helfen, Ziele einfacher zu erreichen“, sagt Gschwandtner.

DATENMEERE: POTENZIAL UND SCHRECKGESPENST

Immer mehr Menschen lassen sich dazu hinreißen, ihr Leben auf Smartphones und Wearables aufzuzeichnen – daraus entstehen Datenmeere, die Potenzial für Unternehmen bieten und Schreckgespenst für Datenschützer sind. Doch welche Gefahren können sich auftun, wenn künftig Banken, die Werbe- und Pharmaindustrie, politische Parteien und Versicherungen die Daten in die Hände bekommen? Im besseren Fall bekommt man eine personalisierte Werbung, im schlechteren Fall keinen Job, keinen Kredit und keine Versicherung. Ob es in Zukunft tatsächlich so weit kommt, dass Menschen nur noch anhand von Daten aussortiert, kontrolliert und überwacht werden, ist unklar. Derzeitige Entwicklungen deuten in diese Richtung. Besonders kritisch betrachtet Georg Markus Kainz den Trend des Quantified Self. Der Wiener Datenschützer engagiert sich bei „quintessenz“, einem Verein zur Wiederherstellung der Bürgerrechte im Informationszeitalter. Dieser Verein verleiht jährlich den „Big Brother Award“ an Datenschutzfeinde. Dass ein App-Anbieter von vornherein die Absicht hat, durch die Entwicklung einer App an Informationen ihrer Kunden heranzukommen, glaubt er nicht. Doch sobald eine App am Markt erfolgreich ist, sei es nur logisch, dass der Geschäftsführer versucht, neue Geschäftsmodelle zu erschließen. „Plötzlich stehen ihm eine Masse an Daten zu Verfügung. Diese Daten sind wie ein Rohdiamant. Natürlich beginnt man hier zu überlegen, wie man damit ein Zusatzgeschäft entwickeln könnte“, erklärt Kainz. Dass App-Anbieter die Daten nur anonymisiert an Dritte weitergeben, schließt Kainz nicht aus. Das Problem dabei sei, „dass ich heute mit sehr wenigen digitalen Informationen wieder zurück auf die Person schließen kann.“

Aus Daten lassen sich nicht nur Informationen zu unseren Sportaktivitäten und unserem Gesundheitszustand gewinnen, sondern auch über unsere sonstigen Gewohnheiten, Tätigkeiten und Vorlieben. Die Kombination der erfassten Aktivitätsdaten (habe ich Sport gemacht oder eine Zigarette geraucht) mit den Metadaten (an welchem Ort und zu welcher Zeit), ergibt ein detailreiches Profil des Nutzers. „Es ist oft nicht einmal wichtig, was ich genau mache, es ist wichtig, von wo und zu welchem Zeitpunkt ich es mache“, sagt Kainz.

KONTROLLE UND ÜBERWACHUNG DES LEBENSSTILS

Als erstes Versicherungsunternehmen in Europa setzt Generali noch in diesem Jahr auf die elektronische Kontrolle von Fitness, Ernährung und Lebensstil. Geplant ist das Versicherungsmodell in Deutschland und in Frankreich; in Österreich wird es noch geprüft – dass es auch hierzulande kommt, ist wahrscheinlich. Kunden, die sich dafür entscheiden, müssen ihre Daten regelmäßig per App übermitteln. Stimmen die Werte mit den gesundheitspolitischen Vorstellungen von Generali überein, wird ihnen ein niedrigerer Versicherungstarif gewährt. Die Entscheidung für oder gegen dieses Modell steht natürlich jedem frei. Wer nicht bereit ist, seine Daten preiszugeben, gilt als unkalkulierbares Risiko und wird in Zukunft wohl auch einen höheren Preis bezahlen müssen. Und das vor dem Hintergrund, dass unser Erkrankungsrisiko nur zum Teil durch unseren Lebensstil beeinflusst werden kann; auch soziale Faktoren, wie Einkommens-, Job- und Wohnsituation spielen dabei eine Rolle.

Diese Entwicklungen werden die Entscheidung für Versicherungsunternehmen vereinfachen, wer eine Privatversicherung zu welchen Konditionen abschließen darf. Auch in der Vergangenheit war es für chronisch Kranke nur bedingt möglich, eine Privatversicherung abzuschließen. In der Zukunft kann jedoch jemand abgelehnt werden, bevor die Krankheit existiert. Sollte ein App-Anbieter die Daten seiner Kunden weitergeben, ist es einfach herauszufinden, bei wem etwa eine Herzinfarktgefährdung vorliegt. Und wer täglich seinen Zigarettenkonsum protokolliert, sollte im Hinterkopf behalten, dass die Daten einem Versicherungsunternehmen zugespielt werden können, das daraufhin einen Risikozuschlag für das Rauchen einfordert.

Die anfangs erwähnte Mia Holl vernachlässigt auch in der Zeit ihrer Bewährungsstrafe die obligatorischen Schlaf- und Ernährungsberichte, ebenso wie das tägliche Sportprogramm, welches ihr von der „Methode“ vorgeschrieben wird. Die „Methode“ ist ein Rechtssystem, welches im Roman die heutigen Grundsätze von Demokratie abgelöst hat. Jeder Mensch muss in der „Methode“ das Bestmögliche für seinen Körper tun, und jeder Verstoß wird hart bestraft. Im letzten Kapitel des Buches wird Mia einer Reihe erfundener Verbrechen für schuldig erklärt und zur Einfrierung verurteilt – nach Abschaffung der Todesstrafe ist das die Höchststrafe. Damit der Widerstand gegen die „Methode“ keine Identifikationsfigur in Form einer Märtyrerin bekommt, wird sie im letzten Augenblick begnadigt. Mia soll ab diesem Zeitpunkt psychologisch betreut und im Sinne der „Methode“ umerzogen werden.

Horizontale LinieFoto: Jordan Hollender
Hier kommen Sie zur Printversion des Artikels.