„Herausforderung, alle Vorlieben zu vereinen“

Norbert Gollinger, Landesdirektor des Landesstudios Niederösterreich und Sprecher der ORF-Landesdirektoren, über Sparprogramme, Vorurteile und inhaltliche Schwerpunkte im Jahr 2018.

Erschienen in HORIZONT 45/17

HORIZONT: Die ORF-Landesstudios feiern heuer ihr 50. Jubiläum. Welches Ereignis, über das das Landesstudio Niederösterreich in den letzten 50 Jahren berichtet hat, ist Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?

NORBERT GOLLINGER: Besonders berührend waren natürlich die Bilder der Einsätze im Rahmen des Jahrhundert-Hochwassers 2002. Als die Menschen mit Hubschraubern – mit Einsatzleuten am Seil hängend – aus dem Gebiet weggebracht und gerettet wurden. Das waren ganz starke Bilder, die mich damals sehr berührt haben und auch heute noch sehr berühren.

Die Landesstudios waren in den vergangenen Jahrzehnten von Personal-und Kosteneinsparungen betroffen. Wie sehr musste das Programm darunter leiden?

Wir haben uns über viele Jahre der wirtschaftlichen Herausforderung gestellt und gespart – und tun dies auch heute noch. Sparprogramme wurden aber nicht zulasten des Programms umgesetzt, im Gegenteil: Wir haben das Programm sogar noch ausgebaut, obwohl wir bei den Kosten einsparen mussten.

Und wie ist das gelungen?

Wir haben uns die Arbeitsprozesse und Produktionsabläufe genau angesehen und uns überlegt, in welchen Bereichen wir diese einfacher, schlanker und straffer machen können. In diesem Zusammenhang haben wir natürlich auch den technischen Fortschritt genützt

Inwiefern?

Früher ist ein Radiointerview mit einem Tonbandgerät aufgenommen worden. Da ist der Redakteur gemeinsam mit einem Tonmeister zur Aufnahme gefahren, auch für die Bearbeitung im Studio war ein Tonmeister notwendig. Heute produziert der Redakteur seinen Radiobeitrag vom ersten bis zum letzten Schritt eigenständig.

Und beim Fernsehen?

Auch da haben wir gestrafft. Bei uns ist es mittlerweile die Regel, dass ein Fernsehteam aus zwei Personen besteht: dem Redakteur und dem Kameramann. Früher waren das drei, manchmal sogar vier Personen.

Welche Schwerpunkte werden Sie im Jahr 2018 in Fernsehen, Radio und Online setzen?

An erster Stelle steht die Weiterentwicklung des Programms. In Fernsehen und Radio werden wir darüber nachdenken, wie wir einzelne Elemente weiter ausbauen können, um unser Publikum rund um die Uhr optimal darüber zu informieren, was zu Hause und in der Region los ist. Ohne dabei auf Österreich und internationale Angelegenheiten zu verzichten. Beim Fernsehen werden wir uns auch mit der Frage beschäftigen, wie stark die Landesstudios künftig in nationale Produktionen eingebunden werden. Mit „9 Plätze – 9 Schätze“, „Guten Morgen Österreich“ und „Daheim in Österreich“ ist das bereits jetzt der Fall. Nun steht die Überlegung im Raum, ob es da noch weitere Projekte geben kann und soll.

Und welche Pläne stehen für den Onlinebereich auf der Agenda?

Auch im Onlinebereich wollen wir unser Programm erweitern. Soweit uns das von den Regulativen, denen wir unterliegen und die sehr restriktiv sind, erlaubt ist. Unsere Aktivitäten in den sozialen Medien wollen wir nachschärfen, indem wir verstärkt mit Videoelementen arbeiten. Da geht es um eigene für den Onlinebereich geschnittene und bearbeitete Videos, die auch den Ansprüchen des Internetpublikums gerecht werden – wir denken da an kurze und prägnante Videos. Zuspruch beim Publikum findet auch „NÖ heute kompakt“, ein in diesem Jahr eingeführtes mobiles Newsformat, das von Montag bis Freitag ab 17 Uhr die wichtigsten Nachrichten des Tages aus Niederösterreich in rund 60 Sekunden auf das Smartphone liefert.

Mit einer weiteren schwierigen Situation sehen sich die Landesstudios konfrontiert, indem sie immer wieder in Verruf stehen, „Landeshauptmann-TV“ zu sein. Wie entgegnen Sie diesem Vorwurf für Ihr Bundesland?

Das ist ein Vorurteil, das ich nicht zum ersten Mal höre. Als Landesstudio Niederösterreich – und das gilt auch für alle anderen Landesstudios – berichten wir über das Geschehen im Land und dazu zählt auch das politische Geschehen. Und wenn man über das politische Geschehen im Land berichtet, dann berichten wir dabei natürlich auch über die Rolle des Landeshauptmanns beziehungsweise der Landeshauptfrau. Wir berichten ausgewogen, fair und durchaus auch kritisch.

Sie wurden im Jahr 2002 zum Landesdirektor des Landesstudios Niederösterreich bestellt und seither dreimal wiederbestellt. Wenn Sie auf die letzten 15 Jahre als Landesdirektor zurückblicken – gibt es irgendetwas, das Sie heute anders gemacht hätten?

Im Großen und Ganzen eigentlich nicht. Bei wenigen kleineren Entscheidungen hätte ich im Nachhinein gesehen noch den einen oder anderen Aspekt berücksichtigen können. Aber bei wesentlichen Fragen ist es mir gemeinsam mit meinen führenden Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und dem gesamten Team gelungen, das Landesstudio Niederösterreich gut durch den rauen Wind und über die raue See der Medienwelt zu steuern.

Wäre es für Sie nicht auch interessant, ein Amt in der Zentrale zu bekleiden?

Ich kann Ihnen nur eines sagen und zwar, dass ich mit Leib und Seele Landesdirektor des Landesstudio Niederösterreich bin. Das ist eine ganz großartige Aufgabe, die ich mit Einsatz, Leidenschaft und auch Demut erfüllen möchte. Und alle anderen Fragen stellen sich nicht.

Welche große Herausforderung sehen Sie in den nächsten Jahren auf die Landesstudios zukommen?

Es wird sicher eine Herausforderung sein, mit den begrenzten finanziellen Mitteln weiterhin ein optimales Programm zu finanzieren. Dieser Herausforderung werden wir uns alle stellen müssen und wir werden unsere Hausaufgaben machen. Denn nur so können wir in einer sich rasant ändernden Medienwelt mit unserem Programm erfolgreich vertreten bleiben.

Was unterscheidet eigentlich das Landesstudio Niederösterreich von anderen Landesstudios?

Alle Landesstudios haben das gleiche Ziel, die gleiche Zielgruppe und sie haben natürlich die gleiche Programmphilosophie, nämlich die Nähe zum Publikum und die Konzentration auf die Regionalität. Natürlich hat aber auch jeder Markt seine Besonderheiten. Als flächenmäßig größtes Bundesland haben wir ein breites Spektrum, das von urbanen Gebieten bis hin zu unseren berühmten vier Vierteln (Weinviertel, Waldviertel, Mostviertel und Industrieviertel, Anm.) reicht, abzudecken. Und für dieses große und vielfältige Bundesland, in dem es auch Unterschiede im Medienkonsum und -verhalten gibt, ist es für uns eine besondere Herausforderung, alle Vorlieben in einem Programm zu vereinen.

Wenn Sie Ihrem Landesstudio etwas zum 50. Jubiläum schenken könnten, was wäre das?

Das wäre viel gutes Gelingen, Kraft und Kreativität, um für das Publikum weiterhin – so wie bisher – ein optimales Programm zu produzieren.

DIE ORF-LANDESSTUDIOS

Die ORF-Landesstudios wurden am 1. Oktober 1967 gegründet und sind Außenstellen des ORF in den einzelnen Bundesländern. Seit 1975 besteht auch ein Landesstudio in Bozen für die deutschsprachige Südtiroler Bevölkerung. Der Sitz der Landesstudios ist jeweils in den Landeshauptstädten, mit Ausnahme des Landesstudios Vorarlberg, das in Dornbirn beheimatet ist. Alle Landesstudios mit Ausnahme von Wien wurden baulich von Architekt Gustav Peichl geplant, sodass eine Einheitlichkeit in allen Bundesländern festzustellen ist. Peichl ging vom Grundsatz des technischen Zweckbaus aus, der eine gewisse technische Ästhetik ausstrahlen und seine Funktion durch keinerlei bauliche Behübschung kaschieren soll. Sie erinnern an das 1963 in Paris eröffnete Maison de Radio France.

Horizontale LinieFoto: ORF/Thomas Ramstorfer
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