kurier.at wird erneut kräftig umgebaut

Zwei Jahre nach dem letzten großen Relaunch steht ein weiterer Umbau bevor. Im Fokus: veränderte Seitenstruktur, neues CMS, erweiterte Formate und Paid Content.

Erschienen in HORIZONT 07/18

Bereits im Dezember 2017 hat das Kurier Medienhaus motor. at relauncht, Anfang Februar folgte der Relaunch von futurezone.at. In wenigen Wochen soll es auch bei kurier.at soweit sein. Martin Gaiger, Geschäftsführer von Kurier Digital, und Stefan Kaltenbrunner, Chefredakteur von kurier.at, gaben HORIZONT vorab exklusive Einblicke zu den inhaltlichen und vermarktungstechnischen Neuerungen, dem neuen Content-Management-System, Paid-Content-Plänen und Überlegungen, sich aus Facebook zurückzuziehen.

„Wir sagen immer: Nach dem Relaunch ist vor dem Relaunch“, so Kaltenbrunner. Nur zehn Monate nach dem letzten großen Relaunch im März 2016 ging der nächste Relaunchprozess an den Start – 14 Monate wird nun schon daran gearbeitet. Noch befindet sich das Portal im Beta-Test, in wenigen Wochen soll es dann aber live gehen. Konkret setzt der Kurier nun verstärkt auf Mobile First – responsives Webdesign und kurze Ladezeiten spielen dabei eine zentrale Rolle. „Mittlerweile haben wir 70 Prozent mobilen Traffic und darum ist es unerlässlich, sich darauf zu optimieren“, so Kaltenbrunner. Vor wenigen Jahren sei das Verhältnis noch umgekehrt gewesen, damals hätten Desktopzugriffe noch 70 Prozent des Traffics ausgemacht.

Nicht nur Kosmetik

Der wesentliche Unterschied zum letzten Relaunch sei jener, dass dieser auch von einer technischen Erneuerung begleitet wird, nämlich dem Wechsel auf ein neues Content-Management-System. „Der letzte Relaunch war ausschließlich eine kosmetische Änderung. Diesmal steht ein kompletter Neubau aller Seiten – Back-End und Front-End – dahinter“, so Gaiger. Hierfür greift man auf die CMS-Technologie der Thunder Foundation von Hubert Burda Media zurück. Dieses CMS basiert auf Drupal 8, als Content Repository ist Elastic in Verwendung, das Front-End wurde mit Angular gebaut. An Bord dieser Foundation sind über 50 Medienpartner. „Burda (Verleger Hubert Burda, Anm.) hat damals gesagt, dass wir uns durch Inhalt und nicht durch Technik unterscheiden, dem schließe ich mich an“, sagt Gaiger.

Insgesamt hat man für den Relaunch der Portale 110.000 Euro in die Hand genommen. Die Kosten würden sich gänzlich aus Personalkosten zusammensetzen. „Für alle unsere Portale verwenden wir Open-Source-Software. Das heißt, die Gesamtkosten, die in das Projekt geflossen sind, sind nicht Lizenzkosten, sondern Personalkosten“, erklärt Gaiger.

Neue Struktur, neue Formate

Die im Zuge des letzten Relaunchs eingeführten drei großen Bereiche „News“, „Lifestyle“ und „Stars &Kultur“ werden wieder verschwinden. Die Inhalte würden aber dieselben bleiben, nur die Struktur sei eine andere, versichert man. „Je mehr mobile Nutzung, desto weniger Klicks in die Navigation. Darum war es wichtig, den Inhalt auf der Startseite anders zu strukturieren und zu ordnen“, erklärt Gaiger. Gedacht werde ohnehin in Geschichten und nicht in Ressorts. „Die Geschichte steht immer im Mittelpunkt – ob in der Chronik, Politik oder im Lifestyle ist dem User im Endeffekt egal“, meint Kaltenbrunner. Geplant ist auch, den Agenturcontent zu reduzieren und noch mehr Eigencontent zu produzieren.

Auch mit neuen Formaten wird das Portal dann aufwarten – diese werden von Dossiers über Podcasts bis hin zu neuen Bewegtbildformaten reichen. Bei Letzeren steht im Vordergrund, dass diese sowohl fürs Fernsehen (Kurier ist ja Eigentümer des Fernsehsenders schau TV, Anm.), als auch für Online funktionieren. Den Bewegtbildbereich werde man „sukzessive ausbauen“, die Strategie ist, Videocontent zu bieten, der sich unterscheidet, aktuell und relevant ist. Bei allen Maßnahmen bekenne man sich „klar zur Qualität und zur Quote mit Qualität“, sagt der Chefredakteur. Immerhin seien die Inhalte noch immer das Wichtigste, „denn wenn die Inhalte nicht funktionieren, funktioniert die beste Seite nicht“. In puncto Bewegtbildvermarktung habe man erst einmal Volumen aufgebaut. „Ohne Volumen in den Markt zu gehen ist völlig uninteressant“, so Gaiger. In einem ersten Schritt sollen Stammkunden angesprochen werden, danach werde man die neuen Angebote für den Gesamtmarkt öffnen.

Wachstum bei Content Marketing

Derzeit teilt sich die Vermarktung in drei Bereiche: das klassische Displaygeschäft, Programmatic Advertising und Content Marketing. „Über Programmatic Advertising handeln wir bereits 40 Prozent des Volumens. Der am stärksten wachsende Bereich ist Content Marketing“, so Gaiger. Zudem werde Videovermarktung in Zukunft „einen wichtigeren Stellenwert haben“. Welchen prozentuellen Anteil Onlineumsätze am Gesamtwerbeumsatz des Medienhauses haben, wollte Gaiger nicht kommentieren. In den jüngst veröffentlichten Focus-Zahlen heißt es jedenfalls, dass im Gesamtmarkt auf Onlinespendings ein Anteil von 13,7 Prozent vom Gesamtwerbekuchen entfällt. „Im Verhältnis dazu haben wir einen deutlich höheren Anteil“, sagt Gaiger.

„MediaPay“ für Paid Content

Auch Überlegungen zu Paid-Content-Modellen liegen schon seit Längerem auf dem Tisch. Im Hinblick auf Paid Content will man noch die am 25. Mai 2018 in Kraft tretende Datenschutz-Grundverordnung abwarten, „die uns doch ein paar Karten in die Hände spielen wird“, meint der Geschäftsführer. Immerhin sei man ab diesem Zeitpunkt gesetzlich verpflichtet, das Einverständnis der User zur Datennutzung einzuholen. „Und wenn die User uns ihr Einverständnis nicht geben, wollen wir ihnen nicht den Zugriff verweigern, sondern eine zweite Alternative anbieten. Und diese wird dann sein, dass User für den Zugriff bezahlen müssen“, sagt Gaiger.

Für die Umsetzung setzt man auf die APA-Initiative „MediaPay“. Dahinter steht eine medienübergreifende, unabhängige Bezahlplattform für digitale Inhalte von Zeitungs-und Magazinverlagen. Ziel ist es, eine Paymentlösung mit vollumfänglicher Paywall unter einem gemeinsamen Dach zu entwickeln. Finanziell unterstützt wird das Projekt von der Digital News Initiative (DNI). „Wir könnten natürlich auch darauf verzichten, Geld zu verlangen. Aber warum sollten wir den Erziehungsprozess, den wir vor vielen Jahren versäumt haben, diesmal nicht durchsetzen?“, fragt Gaiger.

Möglicher Rückzug aus Facebook

Eine weitere Überlegung betrifft Facebook. CEO Mark Zuckerberg ließ mit Änderungen im Newsfeed von Facebook aufhorchen. Demnach sollen Nutzern künftig vorrangig Beiträge von Freunden und Familie statt von Medien angezeigt werden. Ein Grund mehr, warum der Kurier einen Rückzug aus dem Social Network nicht ausschließt. „Wir überlegen das gerade, auch der ORF hat schon Überlegungen in diese Richtung angekündigt“, so Gaiger. Letzten Endes hätte Facebook ohnehin nur geschadet: „Es hat uns in allen Bereichen – wirtschaftlich, demokratiepolitisch und volkswirtschaftlich – geschadet“.

Und auch in Sachen Zugriffe sieht man sich nicht wirklich abhängig vom Social Network, insgesamt komme nur etwa acht Prozent des Traffics von dort. Zwischen 45 und 56 Prozent surfen kurier.at direkt an, etwa 30 Prozent kommen von Google, jeweils ein bis zwei Prozent von kleineren Portalen. Zu einem großen Treiber hätten sich in letzter Zeit Referenzen entwickelt. „Wir bekommen immer mehr Referrer. Je besser die Inhalte sind, desto mehr Seiten referenzieren auf einen“, so Gaiger. Im Ranking der Einzelangebote der ÖWA Plus (2017-III) war kurier.at zuletzt hinter derstandard. at und krone.at die drittgrößte Tageszeitungsnewsseite des Landes.

Horizontale LinieFoto: Kurier/Franz Gruber
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