„Politskandale wie Boxkampf“

Der Wiener Psychiater Alexander Bernhaut im Interview darüber, warum Politskandale und Wahlkampfschlachten zu Schlafstörungen und Suchtverhalten führen können, Menschen sehen wollen, wenn es wieder einmal so richtig kracht und Politerdbeben zwar zu keiner Politikverdrossenheit führen, aber viele andere Emotionen hervorrufen.

Erschienen in der Kronen Zeitung am 03/06/19

KRONE: Kein Stein ist nach dem Ibiza-Video in der Politik auf dem anderen geblieben. Welchen Einfluss hat das auf die Psyche der Menschen?

ALEXANDER BERNHAUT: Das Ibiza-Video hat wie eine Bombe eingeschlagen. Das hat bei vielen Menschen zu einem gewissen Schock geführt, der Folgen auf den seelischen und psychischen Zustand haben kann.

Wovon ist das abhängig?

Die emotionale Reaktion hängt unter anderem davon ab, inwieweit jemand politisch interessiert ist oder nicht. Gefühle wie Wut, Ärger und Enttäuschung sind da keine Seltenheit.

Lassen sich die Emotionen nach Wählern aufschlüsseln?

Besonders der harte Kern der FPÖ-Wähler ärgert sich und ist enttäuscht. Allerdings nicht auf die Protagonisten, sondern jene Menschen, die Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus diese Falle gestellt haben. Es gibt aber auch FPÖ-Wähler, die sich wütend und enttäuscht von der Partei abwenden werden. Wähler, die auf der anderen Seite der politischen Landschaft stehen, wiederum fühlen sich bestätigt und empfinden so etwas wie Genugtuung.

Welche Auswirkungen haben Politskandale eigentlich auf das eigene Leben?

Man muss sich vor Augen führen, dass die Ereignisse bis zum heutigen Tag Thema sind und weiter sein werden. Im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis kommt es zu teils heftigen Diskussionen, wodurch Beziehungen und Freundschaften negativ überlagert werden können.

Gibt es noch etwas, das sich auf die psychische Verfassung auswirken könnte?

Es gibt Menschen, die zuvor kaum die politische Berichterstattung verfolgt haben, sich nun aber intensiver informieren. In einem gesunden Ausmaß ist ein Mitverfolgen der Ereignisse erfreulich, weil es ein Zeichen für politisches Interesse ist. Das kann aber auch zu einem negativen Stress führen, weil dadurch Energie und Zeit abgezwackt wird. Außerdem besteht die Gefahr, eine Art Suchtpotenzial zu entwickeln.

Welche negativen Folgen könnte das mit sich bringen?

Wer die Ereignisse emotional zu sehr an sich ranlässt, beschäftigt sich gedanklich auch vor dem Einschlafen damit. Dann kann es zum Beispiel zu Schlafstörungen kommen. Die Folgen sind Müdigkeit, Fehleranfälligkeit und Konzentrationsstörungen.

Könnte auch die Politikverdrossenheit zunehmen?

Es heißt, dass die Menschen Politskandale ablehnen. Ich schließe aber nicht aus, dass manche darauf warten. Immerhin gehen viele auch zu einem Boxkampf, weil sie sehen wollen, wenn es richtig kracht.

Im Herbst stehen Neuwahlen an, ein heißer Wahlkampfsommer steht vor der Tür. Ärgert es den Wähler, dass er nicht einmal im Sommer davon seine Ruhe hat?

Ich kann mir gut vorstellen, dass manche ihren Sommerurlaub nützen werden, um sich vor einer Wahlkampfschlacht zu schützen. Andere wiederum sind so sehr interessiert, dass sie quasi die ganze Geschichte – vom Ibiza-Video bis zum Wahltag im Herbst – mitverfolgen wollen. Sommer und Urlaub hin oder her. Schlecht für den psychischen und seelischen Zustand wäre nur, wenn jemand deshalb nicht Abschalten kann obwohl man das möchte.

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Foto: Ali Schafler
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