Radionutzung: Das große Stadt-Land-Gefälle

Die fleißigsten Radiohörer wohnen am Land, in der Stadt fällt die Nutzung dieses Mediums ab. Warum ist das so? bestseller hat nachgefragt.

Erschienen in bestseller 04/17

Ob Freizeitgestaltung, Sprache oder Wahlgestaltung – Dorfbewohner und Stadtmenschen können oft unterschiedlicher nicht sein. Selbst beim Medienkonsum zeigen sich Unterschiede: Ein Blick auf die Radionutzung offenbart hier ein Gefälle zwischen dem ländlichen Raum und städtischen Gebieten. In welches Bundesland man auch blickt: In Ortschaften mit bis zu 5.000 Einwohnern wird mehr Radio gehört als in Ortschaften mit zwischen 5.001 und 20.000 Einwohnern – am wenigsten Radio gehört wird in Orten mit 20.001 bis einer Million Einwohnern. Die Gründe, warum das so ist, sind vielfältig.

209 Minuten in Ortschaften mit bis zu 5.000 Einwohnern stehen 188 Minuten in Ortschaften mit 5.001 bis 20.000 Einwohnern und 163 Minuten in Ortschaften mit 20.001 bis einer Million Einwohnern gegenüber – das offenbaren die Zahlen des aktuellen Radiotests zur Radionutzung des durchschnittlichen Hörers ab zehn Jahren. Nicht viel anders sieht es bei den 14-bis 49-Jährigen aus: 217 Minuten sind es in Ortschaften mit bis zu 5.000 Einwohnern, 189 Minuten in Ortschaften mit 5.001 bis 20.000 Einwohnern und 147 Minuten in Ortschaften mit 20.001 bis einer Million Einwohnern. Je urbaner das Umfeld also ist, desto geringer fällt die Radionutzung aus. Vice versa bedeutet das natürlich, je ruraler das Umfeld ist, desto höher fällt die Radionutzung aus. „Dies ist weder ein neues noch ein österreichisches Phänomen“, sagt Joachim Feher, Geschäftsführer RMS Austria. Schon bevor Streamingdienste wie Pandora, Spotify oder YouTube das Medium Radio unter Druck setzten, folgte die Radionutzung laut Feher diesem Muster. Ein Blick nach Deutschland zeige ein ähnliches Bild.

Radio fährt nicht Öffi

Freizeitangebot, Mobilität und Migration – diese drei Faktoren spielen eine große Rolle, wenn es um die Radionutzung hierzulande geht. Je vielfältiger das Freizeitangebot ist, desto variantenreicher fällt naturgemäß auch die Freizeitgestaltung aus. „Und es liegt auf der Hand, dass in einer Metropole versus einer Kleinstadt oder einem Dorf das Angebot ein Vielfaches ist“, so Feher. Im städtischen Gebiet hat sich das Medium Radio demzufolge gegen große Konkurrenz zu behaupten und muss laut den Zahlen federn lassen. „Es macht nun mal einen Unterschied, ob man in einem Ort lebt, in dem es kein Kino gibt, oder in einem, in dem es eines gibt. Die Zeit, die man im Kino sitzt, hört man nicht Radio“, skizziert Kronehit-Geschäftsführer Ernst Swoboda die Thematik an einem Beispiel.

Zudem hat das Thema Mobilität Einfluss auf die Radionutzung. Radio gehört wird laut dem RMS-Geschäftsführer hauptsächlich in der Arbeit, in den eigenen vier Wänden und: im Auto. Dieses wird vor allem in Ortschaften genutzt, in denen es keine Alternativen wie etwa öffentliche Verkehrsmittel gibt. „Aus ökologischer und verkehrstechnischer Sicht ist es ein Muss, dass in einer Großstadt der Individualverkehr gegenüber dem öffentlichen Verkehr weniger bedeutend ist. Damit fehlt ein wichtiger Touchpoint für Radio“, erklärt Feher. In die gleiche Kerbe schlägt Ö3-Senderchef Georg Spatt: „Wir haben – das kann ich jetzt wissenschaftlich nicht belegen, aber es scheint logisch – in Ballungszentren durch den öffentlichen Verkehr eine signifikant geringere Radionutzung als in Gegenden, in denen der Autoverkehr stärker ausgeprägt ist.“ Jene Personen, die am Land leben und in die Stadt mit dem Auto zur Arbeit pendeln und dabei Radio hören, tragen im Übrigen nicht zur Steigerung der Radionutzung in den Städten bei. „Pendler werden im Radiotest ihrem Heimatort zugeordnet. Das heißt, die Radionutzung der vielen Tausend Einpendler nach Wien aus dem Umland wird Niederösterreich zugerechnet“, so Feher.

Wenig Sozialisation mit Radio

Ebenso habe der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund Einfluss auf die Radionutzung. „Rein soziodemografisch ist Wien mit sehr vielen jungen Menschen und einem hohen Migrantenanteil nicht unbedingt mit Radio sozialisiert“, sagt Ö3-Chef Spatt. Personen mit Migrationshintergrund an das Medium Radio heranzuführen und mit dem eigenen Programm zu erreichen, sei demnach eine Herausforderung. „Und wenn sich Personen mit Migrationshintergrund, die für einen österreichischen Sender schlicht und einfach nicht erreichbar sind, in einem Gebiet konzentrieren, dann schlägt sich das in diesem Gebiet auch auf die Radionutzung insgesamt nieder“, erklärt Swoboda. Laut Statistik Austria haben im Jahr 2016 insgesamt 776.800 Personen mit Migrationshintergrund in Wien gelebt, danach folgen Oberösterreich mit 255.600 Personen und Niederösterreich mit 245.000 Personen.

Wien ist mit mehr als 1,8 Millionen Einwohnern nicht nur Österreichs bevölkerungsreichste Stadt, sondern auch jenes Bundesland, in dem so wenig Radio gehört wird wie sonst nirgendwo. Der durchschnittliche Hörer ab zehn Jahren hat laut den Zahlen des aktuellen Radiotests täglich 147 Minuten Radio gehört, die 14-bis 49-Jährigen haben wienweit täglich 122 Minuten Radio gehört. Die fleißigsten Radiohörer wohnen übrigens in Kärnten, wo der durchschnittliche Hörer ab zehn Jahren täglich 219 Minuten Radio hört, ähnlich sieht es bei den 14-bis 49-Jährigen mit täglich 217 Minuten aus.

Horizontale LinieFoto: jakkapan / Adobe Stock
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