Ringen um den Nachwuchs

Obwohl viele junge Menschen in den Journalismus streben, tun sich Verlage oft schwer, geeignete Talente zu finden. Woran das liegt und wie sich Medienhäuser selbst ihren Nachwuchs züchten.

Erschienen in HORIZONT 21/16

Ringen um den Nachwuchs

Den Traum „irgendetwas mit Medien“ zu machen, haben viele junge Menschen. Das ist auch der Grund, warum es sie zuerst in die Ausbildungseinrichtungen dieses Landes und danach auf den hart umkämpften Arbeitsmarkt treibt. Und dennoch hört man im Gespräch mit Chefredakteuren immer wieder, scheint es für Medienhäuser oft kein leichtes Unterfangen zu sein, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Deshalb haben einige von ihnen in den vergangenen Jahren interne Ausbildungsprogramme etabliert, um junge Talente zu erkennen. Es gibt aber auch andere Gründe dafür.

Was Hochschulen nicht leisten

Journalistenausbildung hat bei Die Presse eine lange Tradition: Mit einer Lehrredaktion bietet die Tageszeitung Nachwuchsjournalisten bereits seit vielen Jahren ein hauseigenes Ausbildungsprogramm an. Seit 1996 findet sie regelmäßig und unter der Leitung von Nachrichten- und Abendchef Stefan Schöffl statt – ihm zur Seite steht „Management & Karriere“-Ressortleiter Michael Köttritsch. Beide sind selbst Absolventen der Lehrredaktion. Journalistisches Handwerk unter Echtzeitbedingungen vermitteln: Das ist es, was FHs, Universitäten und Akademien „bei aller Qualitätssteigerung in den vergangenen Jahren nicht in dieser Form leisten können“, sagt Köttritsch.

Hungrig, bissig, hart

Dieser Kritik schließt sich Chefredakteur Rainer Nowak an: Er sei zwar „ein Freund aller FHs und Unis“, dennoch könne Journalismus nur in der Praxis und nicht in der Theorie erlernt werden. Dass sei auch der „ureigenste Grund“, warum man die Ausbildung der eigenen Leute selbst in die Hand nehmen würde. Ausgesucht werden jene, bei denen Talent vermutet wird. Das allein reiche aber nicht, auch weitere Fähigkeiten seien wichtig: „Neben Talent geht es darum, ob jemand bissig, hungrig und neugierig ist. Es kommen immer wieder Leute, die nicht hart genug sind für den Journalismus“, sagt Nowak. Dem „kulturpessimistischem Zugang“, nämlich dass gute Leute immer mehr zur Mangelware werden, möchte sich Nowak aber nicht nähern. Es gebe zwar „bessere und schlechtere Jahre“, im Großen und Ganzen würde das Niveau aber in etwa halten. Über die Jahre gerechnet würde über die Hälfte der Lehrredakteure im Journalismus bleiben, 40 Prozent davon im eigenen Haus. „Die Teilnahme an der Lehrredaktion ist allerdings keine Garantie, im Anschluss in ein fixes Dienstverhältnis übernommen zu werden“, betont Köttritsch.

In einem HORIZONT-Interview Ende März darauf angesprochen, dass bei Absolventen von Unis und FHs noch viel „nachgearbeitet“ werden müsse, hält Nikolaus Koller, Leiter des Instituts für Journalismus & Medienmanagement der FHWien der WKW, selbiges für eine „Mär“: „Dass es viele Medienunternehmen gerne hätten, dass man junge Absolventen einsetzt und ihnen nichts mehr beibringen muss, ist ein Wunschdenken, das sich durch alle Branchen zieht.“

Gute Storys erzählen

Junge Leute mit Talent kennenlernen – das möchte man auch bei PULS 4 und darum startete der Privatsender unter der Federführung von Infochefin Corinna Milborn in diesem Jahr die Mobile Reporting Academy. Sämtliche Kosten übernimmt die Sendergruppe und das hat auch einen Grund: „Mir war es wichtig, dieses Angebot sowohl finanziell als auch technisch niederschwellig zu halten. Dann bleiben wirklich jene übrig, die sich für Journalismus interessieren.“ Denn das sei nämlich nach wie vor die größte Schwierigkeit: Leute zu finden, die gute Geschichten machen. Für zukünftiges Recruiting ist Corinna Milborn auf der Suche nach genau solchen Menschen. „Und das ist uns das Geld auch wert“, sagt sie.

Dass es tatsächlich schwierig sei, gute Leute zu finden, kann sich Dagmar Köttl, Geschäftsführerin des Kuratorium für Journalistenausbildung (KfJ), nicht vorstellen: „Das wäre mir neu. Ich bin aber davon überzeugt, dass der Journalistenberuf kein reiner Begabungsberuf ist, diese Zeiten sind lange vorbei. Journalismus ist ein Handwerk, das man erst in der Praxis lernen muss.“ Zahlen darüber, wie viele junge Menschen insgesamt jährlich von Ausbildungseinrichtungen wie dem KfJ auf den Arbeitsmarkt strömen, hat auch Köttl nicht. Angenommen werden kann, dass es deutlich mehr sind als freie Stellen zur Verfügung stehen.

Laut AMS waren alleine im Jahr 2015 560 Akademiker des Studiums „Publizistik-und Kommunikationswissenschaft“ arbeitslos gemeldet, 2014 waren es noch 453.

Spezialisierung gefragt

Beim ORF widmet man sich der Thematik der jungen Talente mit der hauseigenen Akademie. Seit dem Start im Jahr 2011 wurden die bis heute insgesamt 26 Absolventen der Akademie in ein fixes Arbeitsverhältnis übernommen – 25 davon sind nach wie vor im Unternehmen tätig. Generaldirektor Alexander Wrabetz dazu: „Dieses Niveau wollen wir ausbauen , um den öffentlich-rechtlichen Qualitätsjournalismus in Österreich langfristig zu sichern.“ Es wäre auch alles andere als sinnvoll, junge Menschen ein Jahr lang auszubilden und mit journalistisch relevantem Know-how auszustatten, nur um diese dann auf den freien Markt zurück zu schicken und in die Redaktionen der Konkurrenz zu treiben. Doch wie schwierig ist es eigentlich für den ORF, qualifizierte Nachwuchskräfte zu finden?

Über geringe Bewerberzahlen könne man sich nicht beklagen, heißt es. „Eine passende und schnelle Besetzung ist dort schwieriger, wo es sich beispielsweise um Positionen im Bereich Wirtschaft handelt, bei denen eine hohe Spezialisierung gefordert ist“, erzählt Thomas Balla, der in der ORF-Generaldirektion für die Personalsuche und -auswahl verantwortlich ist, und ergänzt: „Dieses Phänomen betrifft jedoch nicht nur den ORF.“

In diesem Punkt – also der Spezialisierung – ortet auch Koller tatsächlich Schwachstellen in der Journalismusausbildung: „Medienmanager predigen, dass man als Journalist nicht nur wissen sollte, wie man eine Geschichte schreibt oder eine Slideshow macht. Sondern eben auch, auf welchem Spezialgebiet man besonders gut ist. Das können wir als Journalismusausbildung nicht leisten.“

Ausbildung für mehr Vielfalt

Auch das Wiener Stadtmagazin biber bietet mit der biber-Akademie ein internes Ausbildungsprogramm an – dahinter stecken allerdings andere Beweggründe, als junge Talente für das eigene Haus heranzuziehen. Sie hat sich dem Ziel verschrieben, mehr Journalisten mit Migrationshintergrund in heimische Redaktionen zu bringen.

„Wir wollen die österreichische Medienlandschaft aufmischen und mehr Vielfalt reinbringen“, formuliert es Onlinechefin und Akademieleiterin Alexandra Stanic. Ein Grundkurs soll Akademieteilnehmer auf den Alltag in Zeitungs-, Magazin- und TV-Redaktionen vorbereiten, in denen sie Praktika absolvieren.

So landeten dann auch einige Absolventen bei großen Medienhäusern: Maida Dedagic bei der Kronen Zeitung, Amra Ducic bei der Gratiszeitung Heute, Tanya Kayhan beim Stadtsender W24 und Rusen Timur Aksak bei ATV. Finanziert wird das Ganze durch Sponsoren, zu denen das Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres (BMEIA), die OMV, die Wirtschaftskammer Wien (WKW), die ÖBB, die Wiener Städtische Versicherung und neuerdings auch Google Austria zählen.

Horizontale LinieFoto: Fotolia / kantver
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