„Versuchen, gewisse Schwachstellen zu verbessern“

Ö1-Programmchef Peter Klein zum 50-jährigen Bestehen des Senders über dessen Identität, die anstehende Schemareform und wo konkret der Sparstift angesetzt wird.

Erschienen in HORIZONT 08/17

HORIZONT: Laut den aktuellsten Radiotest-Zahlen hörten die Österreicher im Vorjahr im Durchschnitt täglich 184 Minuten Radio. Wie viele Minuten hören Sie täglich Radio?

PETER KLEIN: Das ist eine gute Frage, die ich mir so noch nicht gestellt habe. Ich höre jeden Tag in der Früh und am Abend bis zu zwei Stunden. Am Wochenende schaffe ich es durchaus, acht Stunden zu hören. Das heißt, die 184 Minuten, die in Österreich durchschnittlich täglich Radio gehört wird, erfülle ich mit Sicherheit.

Und welche Radiosender konsumieren Sie außer Ö1 regelmäßig?

Ich bin insofern ein typischer Ö1-Hörer, weil der erste Zweitsender von Ö1-Hörern – erstaunlich, aber wahr – FM4 ist. FM4 ist also mein zweiter Sender und manchmal höre ich BR-Klassik. In allererster Linie bin ich an den Wortprogrammen interessiert. Wenn ich Musik höre, dann will ich sie aufbereitet haben: Ich will zusätzliche Informationen über die Aufführungspraxis, Werkgeschichte, Künstler und Komponisten.

Diesen Anspruch erfüllt auch der im Vorjahr gelaunchte Web-Player. Ein Teil der Ö1-Hörer ist zwar mit dem Medium Radio aufgewachsen, ein anderer Teil – und damit sind die zunehmend jungen Ö1-Hörer gemeint – nutzen das Smartphone, um Medien zu konsumieren. Ist der Web-Player eine Reaktion auf dieses geänderte Mediennutzungsverhalten?

Die junge Zielgruppe denkt ja überhaupt nicht daran, sich an die Zeitstruktur eines Radioprogrammes zu halten. Sie weiß zeitsouveränes Hören zu schätzen und darauf müssen wir reagieren. Ö1 ist ja kein Sender, der in Großraumbüros den ganzen Tag im Hintergrund dudelt, sondern Ö1-Hören ist ja nach wie vor so wie ins Theater oder Kino zu gehen: Man hört sich gezielt bestimmte Sendungen an. Aus diesem Grund ist es für uns enorm wichtig, dass wir unsere Inhalte auf verschiedenen Kanälen anbieten.

Was sagen Sie zu dem vom Verband Österreichischer Privatsender (VÖP) erhobenen Vorwurf, dass der ORF seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag nicht ernst genug nehme und diesen teils in Spartensender wie Ö1, FM4 oder ORF III auslagert?

Dass dieser Vorwurf falsch ist.

Ö1 soll in diesem Jahr – anlässlich des 50. Geburtstages am 1. Oktober – einen Relaunch verpasst bekommen. Neben einer Schemareform sind auch ein neues Audio-Design, ein neues Sender-Design, eine Imagekampagne und ein Programmschwerpunkt geplant. Wie viel wird insgesamt in diesen Relaunch investiert?

Wir schöpfen das Allermeiste aus dem Eigenen. Die einzigen Zusatzkosten, die wir haben, fallen für die Imagekampagne an. Alles andere verursacht eigentlich keine Zusatzkosten oder kaum welche. Die DNA des Senders bleibt die gleiche.

Wie würden Sie die DNA des Senders beschreiben?

Ö1 ist ein Qualitätssender, der in die Tiefe geht und der sich nicht nur mit den aktuellen Ereignissen beschäftigt, sondern schlicht und einfach den Anspruch hat, sämtliche Ereignisse, Phänomene und Tendenzen weltweit darzustellen. Das tun wir, indem wir zwölf Stunden Wortprogramme und zwölf Stunden Musikprogramme pro Tag senden. Zwölf Stunden Wortprogramme entsprechen 300 Manuskriptseiten, das ist wirklich eine Menge.

Im November des Vorjahres segnete der Stiftungsrat die Programmpläne der ORF-Sender für 2017 ab. Die Schemareform von Ö1 hat die meisten Änderungen zu bieten (siehe Infobox) und soll mit 1. Mai in Kraft treten. In einem Brief an Ihre Mitarbeiter zeigen Sie sich „zutiefst davon überzeugt, dass das optimierte Programm von Ö1 besser sein wird als das bestehende“. Warum sind Sie davon so felsenfest überzeugt?

Wir machen diese Optimierung des Programmschemas ja nicht, weil wir lustig sind und weil uns fad ist, sondern weil wir das Programm sehr genau beobachten. Darum wissen wir, dass wir in manchen Bereichen unseres Programmes oder unserer Programmabfolge gewisse Schwachstellen haben und die versuchen wir zu verbessern.

Wo werden die größten Anpassungen vorgenommen?

Die entscheidenden Veränderungen passieren im Zeitraum zwischen zehn Uhr vormittags und 16 Uhr nachmittags, also in unseren Kernzonen.

Die Ö1-Redakteurssprecher sehen die geplanten Änderungen im Programmschema von Ö1 kritisch und vermuten dahinter ein „geschöntes Sparpaket“. Was halten Sie dem entgegen?

Was ich an Ö1 so schätze und liebe, auch wenn es mir mein berufliches Leben nicht immer vereinfacht, ist, dass sowohl die Kolleginnen und Kollegen, aber auch die Intellektuellen und Kulturschaffenden dieses Landes extrem an Ö1 hängen. Dass Ö1 als Teil des ORF auch im Jahr 2017 ein Einsparungsvolumen zu realisieren hat, ist ja kein Geheimnis.

Laut Budgetentwürfen soll Ö1 heuer 700.000 Euro weniger bekommen. Das sind ungefähr 2,3 Prozent des jährlichen Gesamtbudgets von 30 Millionen, das Ö1 zur Verfügung steht und ein Bruchteil dessen, was man für Bundesliga-Übertragungen am Sonntag zahlt. Freuen dürfte Sie das nicht?

Bei Ö1 ist das Budget in etwa gleich geblieben, aber natürlich steigen Rechtekosten und es gibt Valorisierungen. Das ist jetzt kein Grund, das Abendland abermals dem Untergang entgegenwankend zu sehen. Weil Einsparungen zwar immer etwas unerfreuliches haben, aber dennoch zu realisieren sind, muss man sich überlegen, wie mache ich mit den Mitteln und Möglichkeiten, die ich habe, das Beste.

Wo setzen Sie konkret den Sparstift an, um dieses Einsparungsziel zu realisieren?

Das Spektrum geht von Rechteverhandlungen bis zu günstigeren Nachbesetzungen und wir konzentrieren uns stärker als bisher bei programmlichen Adaptionen auf die publikumsrelevanten Tageszeiten.

Generaldirektor Alexander Wrabetz kündigte im Juli des Vorjahres an, dass Ö1 aus den Mehrerlösen des Funkhausverkaufs ein Sonderbudget von einer halben Million Euro bekommt. Wie ist hier der Stand der Dinge?

Wir haben bereits ein Sonderbudget bekommen, genaue Zahlen werde ich keine nennen.

Neben den beiden Channel Managern Georg Spatt (Ö3) und Monika Eigensperger (FM4) hatten auch Sie Chancen auf die Funktion des Radiodirektors. Schlussendlich wurde Eigensperger zur Radiodirektorin bestellt. Hätten Sie ebenfalls Ambitionen für diesen Führungsposten gehabt?

Ich habe genau eine Nacht darüber nachgedacht und war mir sehr rasch darüber im Klaren, dass diese Position für mich nicht infrage kommt. Die Vorgabe war ja, dass, wenn aus dem Kreis der drei Senderchefs jemand Radiodirektor wird, dann in einer Doppelfunktion. Ich möchte voll und ganz für Ö1 da sein, speziell in diesem Jahr. Die Vorstellung, dass ich diesen Job nur mehr halbtags mache und den anderen Halbtag zwei Stockwerke nach oben ziehe, um Radiodirektor zu sein, hätte ich nicht gewollt.

DIE Ö1-SCHEMAREFORM

Unter der Woche gibt es in der Zeitzone 10:00 bis 12:00 Uhr Änderungen: Statt dem „Konzert am Vormittag“ gibt es künftig von 10:05 bis 11:00 Uhr eine „neue tägliche Musiksendung zu wechselnden Themen“. Das ermöglicht, auch um 11:00 Nachrichten zu senden. Um 11:05 wird eine neue Literaturleiste eingezogen, um 11:30 das ebenfalls neue Magazin „Musik aktuell“. Als „Herzstück“ am Nachmittag wird eine „weitere Wortstrecke“ um 13:00 Uhr bezeichnet. Unter dem Arbeitstitel „Punkt Eins“ ist eine „semiaktuelle Diskursstrecke“ geplant, in der Experten zu Wort kommen und Hörer miteinbezogen werden sollen. Dafür wird die bisherige Gesprächssendung „Von Tag zu Tag“ – derzeit wochentags um 14:05 Uhr zu hören – eingestellt. An seine Stelle tritt nun das „Konzert am Nachmittag“ – als Ersatz für das frühere vormittägliche Konzert. Kleinere Rochaden betreffen Formate wie das Kinderradio „Rudi!“, die Ö1-Clubsendungen, die „Ö1-Kinderuni“ oder „Moment – Leben heute“.

Kommen soll auch das schon lange in Aussicht gestellte „Ö1 Medienmagazin“, und zwar einmal im Monat am Freitags-Sendeplatz der „Dimensionen“. Das Wissenschaftsmagazin verliert diesen Platz gänzlich, denn in den übrigen drei Wochen wird „Matrix – Computer und neue Medien“ dort ausgestrahlt. Dessen bisheriger Sendeplatz, der späte Sonntagabend, wird komplett umgestaltet. Der „Ö1 Kunstsonntag“ ist von 19:00 bis 24:00 Uhr durchmoderiert und soll je zur Hälfte Musik- und Wortanteil bieten. Letzterer wird auch durch vorhandene Sendungen gespeist: Unterschlupf finden dort „Contra“, die „Tonspuren“,“Texte – neue Literatur aus Österreich“,“Synchron“ sowie das „Kunstradio“. Das „Hörspiel-Studio“ wird es nicht mehr geben – es soll im „Kunstradio“ aufgehen.

Horizontale LinieFoto: ORF
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