„Wenn es Krisen gibt, dann denke ich, jetzt kann ich nicht aufhören“

40 Jahre Falter: Das Gesicht der Wiener Stadtzeitung, Armin Thurnher, über Krisenzeiten, hergeschenkten Journalismus und seine persönliche Zukunft.

Erschienen in HORIZONT 39/17

HORIZONT: 1977 ist die erste Ausgabe des Falter erschienen – damals noch zweiwöchentlich, ab 1987 wöchentlich. Wissen Sie, wie viele Ausgaben das bisher waren?

ARMIN THURNHER: Nein. Ehrlich nicht. Wissen Sie es?

Ich dachte, Sie wissen es.

(rechnet) Ungefähr müssten es 1.800 reguläre Ausgaben sein. Mit den Spezial- und Sonderausgaben natürlich noch weit mehr. Laut Falter-Titelseite halten wir bei Ausgabe 2.616.

Was steckt eigentlich hinter dem Namen „Falter“?

Der Name hat eine Doppelbedeutung. Wir hatten in den ersten Ausgaben das Wienprogramm als Faltblatt. Gleichzeitig steht der Name mit dem Schmetterling in Verbindung, der unberechenbar, aber nicht gewalttätig ist. Auf dem Cover der ersten Ausgabe war eine Lichtdose abgebildet, die von Innen erleuchtet ist und Wien darstellen soll, aus der ein Falter rauskommt.

Die erste umfassende Blattreform erhielt der Falter 1983, weitere Relaunches folgten 1991 und 2008. Im Zuge des Relaunches 2008 haben Sie geschrieben: „Wandel ist nötig, um Bewährtes zu erhalten.“ Steht in nächster Zeit ein Wandel an?

Wenn es uns die Umstände nicht diktieren, sind wir der Meinung, dass man nicht alles dauernd über den Haufen werfen muss. Wir drehen immer an irgendwelchen Schrauben und verbessern dies und das. Aber einen großen Relaunch erachten wir jetzt nicht für notwendig. Die gedruckte Auflage ist gegen jeden Trend im Aufwind, ebenso die Zahl der Abonnenten.

Der Verlag besteht aus vier Bereichen: dem Print-Titel, der Publikation von Büchern, der Produktion von Kundenzeitschriften und Electronic Publishing. Welcher Bereich bringt das Gros an Einnahmen?

Einer der stärksten Bereiche ist sicher der Falter selber, der durch journalistische Kompetenz und die Verkaufserfolge der letzten Zeit tendenziell immer stärker wird. Der Buchverlag ist stark, auch Kundenzeitschriften sind erfolgreich. Elektronische Medien sind umsatzmäßig sicher am schwächsten. Mal ist das Ergebnis in dem Bereich schwächer, dann wieder im anderen Bereich stärker, aber im Großen und Ganzen ist es einigermaßen ausgeglichen.

Werden Bereiche querfinanziert?

Das machen wir nicht. Die Bereiche müssen getrennt voneinander profitabel sein.

Wie ist es insgesamt um die wirtschaftliche Situation bestellt?

Die wirtschaftliche Situation ist nicht überragend, aber für unsere Verhältnisse sehr gut. Wir scheffeln nicht Millionen, aber schreiben schwarze Nullen. Und dafür, dass wir im jetzigen System der Presseförderung im Vergleich zu anderen nicht bevorzugt, sondern eher benachteiligt sind, und wir keinen Konzern hinter uns haben, stehen wir erstaunlich gut da. Und darauf sind wir auch sehr stolz.

Wie hoch war der Umsatz 2016?

Im Jahr 2016 haben wir ungefähr zwölf Millionen Euro Umsatz gemacht.

Und wie viele Mitarbeiter beschäftigt der Verlag mittlerweile?

Alles in allem sind es 70 Angestellte. Der Verlag ist damit ein ordentlicher mittelständischer Betrieb. Für den Falter arbeiten 20 angestellte Personen – diese Truppe wächst langsam, aber sie wächst. Und im Vergleich zu anderen Redaktionen wächst sie in absoluten Zahlen relativ stark, weil andere Redaktionen bedauerlicherweise geschrumpft sind. Gerade die Redaktionen von Printprodukten.

In der Redaktion wird also aufgestockt?

Wenn, dann bei uns. Wir haben konsequent immer das meiste Geld – wenn wir denn welches zu investieren hatten – in redaktionelle Posten investiert. Ich bin auch der Meinung, dass das der richtige Weg ist. Die Katastrophe der Qualitätsmedien hat auch damit zu tun, dass diese ihre Investments in die digitalen Bereiche kanalisiert und ihre eigentlichen Kernbereiche vernachlässigt haben.

Die Steiermark-Ausgabe des Falter mussten Sie aber aus finanziellen Gründen einsparen …

Die Steiermark-Ausgabe ist eingespart worden, weil die Steiermark ihre Subventionen eingestellt hat. Eine 2005 abgeschlossene Kooperation mit der Kultur Service Gesellschaft Steiermark (KSG) über anfangs jährlich 300.000 Euro wurde fortlaufend reduziert und ist im Jahr 2011 ganz ausgelaufen. Danach war das Produkt, das sich dort nicht selbst auf dem Markt getragen hat, nicht fortführbar. Die Steiermark-Ausgabe hatte natürlich auch nicht die Reichweite einer Kronen Zeitung oder Kleinen Zeitung. Dennoch war sie journalistisch sehr erfolgreich, hatte viele gute Geschichten und hat den Abonnentenstamm des Falter deutlich erweitert.

Sie schreiben also schwarze Nullen, die gedruckte Auflage und die Zahl der Abonnenten steigen. Es geht dem Falter also nicht allzu schlecht …

Wir schwimmen nicht im Geld und hätten immer gerne mehr. Aber es gab schon viel schlimmere Zeiten.

Apropos schlimmere Zeiten: Der Falter hat sich in den 40 Jahren seines Bestehens in einigen personellen und finanziellen Krisen wiedergefunden. Als 1988 der Standard gegründet wurde, wechselten rund neun Zehntel der Redaktion zur neuen Tageszeitung. 1995 deckte die Kronen Zeitung den Falter wegen eines Gewinnspiels mit Klagen in Millionenhöhe ein. Ist das Blatt einmal in einer so schweren Krise gesteckt, dass Sie mit dem Gedanken gespielt haben, es einzustellen?

Dieser Typ bin ich nicht. Ich bin der genau umgekehrte Typ. Wenn es Krisen gibt und wenn es uns schlecht geht, dann denke ich mir, jetzt kann ich nicht aufhören. Ich möchte, dass es uns einmal so gut geht, dass ich entspannt nur noch meinen publizistischen Vorlieben nachgehen kann, im Falter und sonst wo.

Was würden Sie dem Falter gerne zum 40. Jubiläum schenken?

Dem Falter würde ich viel Geld schenken, damit er seine journalistische Qualität weiter ausbauen und in seine diversen Kanäle – wie haben ja seit neuestem zum Beispiel den Falter-Podcast mit Raimund Löw – entsprechend investieren kann.

1997 ging die Website des Falter online. Artikel sind dort nur für Abonnenten zugänglich …

Ich denke, dass man Produkte, die etwas wert sind, nicht verschenken darf. Sonst gibt man nämlich selbst zu erkennen, dass das eigene Produkt nichts wert ist. Die Überlegung der Verleger, zu sagen, wir schenken unsere Produkte her, damit wir Reichweite bekommen, hat nicht funktioniert. Uns war von Anfang an klar, dass wenn wir unser Printprodukt verschenken, wir dadurch im digitalen Markt nichts erreichen. Jetzt ist es ja so, dass im digitalen Markt nur mehr die amerikanischen Monopolkonzerne profitieren und man dort nur noch Geschäfte macht, wenn man sich denen unterwirft. Alle Aktivitäten seitens der Verleger arbeiten diesen Monopolkonzernen in die Hände. Das ist ein Spiel, das man nur verlieren kann, solange es nicht andere politische Rahmenbedingungen für dieses Spiel gibt. Und die gibt es nicht, weil die Konsumenten an ihrer eigenen Entmündigung begeistert mitarbeiten.

Sie schenken kaum Inhalte her, diese sind zum Großteil ausschließlich über ein Abo oder Einzelverkäufe einsehbar. Wie rentabel ist dieses Geschäft?

Ich erkenne, dass der Bedarf an unseren Artikeln sehr groß ist. Den Leuten ist bewusst, wenn sie alle unsere Artikel wollen, dann müssen sie unser Produkt abonnieren. Und ich führe unseren steigenden Aboverkauf auch darauf zurück, dass diese Idee funktioniert.

Ab und zu sind Artikel aber doch einsehbar. Auf welcher Grundlage entscheiden Sie, ob ein Artikel freigeschalten wird?

Darüber, ob ein Artikel doch freigeschaltet wird oder nicht, wird ausführlich diskutiert. Wobei unsere grundsätzliche Richtlinie ist, nichts freizuschalten. Für den Einzelnen ist das manchmal schon sehr schwierig, vor allem dann, wenn die Vermutung nahe liegt, dass ein bestimmter Artikel oder Kommentar hunderte Likes bekommen würde. Auf dieses wöchentliche Bad meiner Seele muss ich verzichten. Das ist eine schwere narzisstische Kränkung für jeden Journalisten.

Und welche Artikel werden tendenziell freigeschalten – sind es jene Artikel, die voraussichtlich auf Social Media funktionieren werden oder welche, die gesellschaftliche Relevanz haben?

Sowohl als auch. Sei es, weil wir mit einem Artikel eine gesellschaftliche Diskussion anstoßen wollen oder wichtige politische Aufdeckungsgeschichten zur Verfügung stellen, damit die Leute wissen, worüber geredet wird. Wenn wir einen großen Medieneffekt haben wollen, dann geben wir einzelne Artikel auch frei. Denn obwohl wir ein kleines Medium sind, gelingt es uns mit gewissen Geschichten, alle nationalen Medien hinter uns her zu ziehen.

Digitale Werbeeinbußen machen Ihnen keine Sorgen?

Digital sind die Erlöse zu vernachlässigen, die Preise für Banner sind kümmerlich, das weiß jeder. Die Printinseratenfinanzierung und die Printverkaufsfinanzierung sind nach wie vor die wichtigsten Einnahmequellen. Zweiteres ist meiner Meinung nach tendenziell auch wichtiger als Ersteres. Denn in Wirklichkeit müssen Medien doch die Menschen überzeugen, dass sie für das Medium etwas bezahlen müssen. Und dass ein gutes Medienprodukt mit intelligentem, wohlinformiertem, klugem und tiefgehendem Journalismus nun einmal etwas kostet.

In den Köpfen vieler Menschen ist nach wie vor fest verankert, dass Nachrichten gratis sind …

Die Gratiskultur ist auch eine Erfindung der amerikanischen Monopolkonzerne. Wir werden dem Druck, unser Produkt herzuschenken, nicht nachgeben. Trotz vieler Propagandisten unter den Usern, die glauben, sie bekommen Nachrichten gratis, und dabei nicht merken, womit sie bezahlen …

… mit ihren Daten?

Mit ihrem eigenen Leben. Das ist ein relativ hoher Preis. Es ist ja auch das Gratiskino noch nicht erfunden worden. Wem ein gewisses Kinoerlebnis wichtig ist, der muss dafür Geld bezahlen. Wer ein gutes Auto will, wird es auch nicht geschenkt bekommen. Dasselbe gilt für Restaurants. Im Franziskanerkloster am Stephansplatz gibt es zwar Gratis-Suppe, die wird auch immer populärer, aber trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, dass Gratis-Suppe das Lebensziel ist, sondern die Leute gehen in Restaurants und leisten sich ein Essen, das ihnen schmeckt.

20 Jahre lang – zwischen August 1994 und August 2014 – haben Sie Ihr Ceterum Censeo unter jeden Ihrer Leitartikel gesetzt. Darin betonten Sie, dass Sie der Meinung sind, dass der Mediamil-Komplex – eine von Ihnen geschaffene Wortkombination aus Mediaprint und den Zeitschriften Format und Profil aus der Verlagsgruppe News – zerschlagen werden muss. Diesen Schritt begründeten Sie damals damit, dass die Mediaprint ansgesichts der amerikanischen Monopolkonzerne „zum Lercherl“ schrumpfe. Sind diese jetzt Ihre neuen Feinde?

So ist es. Absolut. Ein Phänomen, das mich fasziniert, ist, dass die sehr klugen Köpfe in den Redaktionen genau wissen, was da eigentlich passiert. In Wahrheit schaffen wir damit auch das klassische Verlegermodell – und damit eine Grundlage publizistischer Unabhängigkeit – ab. Ich sage ja nicht, dass das klassische Verlegermodell der Weisheit letzter Schluss und etwas ist, das unbedingt aufrecht erhalten werden muss. Doch alle Social-Media-Aktivitäten, die Verleger setzen, dienen dazu, dass wir das Geschäftsmodell dieser Monopolkonzerne stärken und unseres schwächen.

Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, Ihr Ceterum Censeo in Richtung amerikanischer Monopolkonzerne zu adaptieren? Also dass Sie der Meinung sind, dass diese zerschlagen gehören …

Dieser Meinung bin ich sowieso und das tue ich auch kund. Ich bin auch der Meinung, dass diese Dienste öffentlich-rechtliche Dienste sein sollten. Das sind Infrastrukturen einer gesellschaftlichen, öffentlichen Kommunikation, die aus dem privaten Profit und den Interessen Einzelner rausgehören. Wir leben in einer Zeit des Social Engineering, ohne dass uns das wirklich klar ist. Da bräuchte ich 17 Ceterum Censeos, dann dürfte in meinen Leitartikeln nur noch der erste Satz wechseln, das wäre vielleicht doch etwas eintönig.

Am 15. Oktober wird gewählt, danach eine neue Regierung gebildet. Welche medienpolitischen Forderungen haben Sie an diese?

Ich würde die Regierung dazu auffordern, im europäischen Rahmen alles zu tun, damit diese private Dominanz und vor allem auch die Steuerflucht der amerikanischen Monopolkonzerne europäisch geregelt wird, um Wettbewerbsgleichheit herzustellen. Auf dem Binnenmarkt würde ich sie dazu auffordern, eine gerechte Medienförderung herzustellen. Und ich würde fordern, dass sie das öffentlich-rechtliche Fernsehen endlich ernst nehmen und retten sollen.

Sie feiern in zwei Jahren Ihren 70. Geburtstag. Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich in den Ruhestand zu setzen?

Ja, daran habe ich schon gedacht. Ich habe allerdings auch meine Mitarbeiter gefragt, ob sie der Meinung sind, dass ich das tun soll. In einer anonymen Abstimmung waren alle der Meinung, dass ich das nicht tun soll.

War das eine bindende Redaktionsabstimmung?

Es war eine Informationserkundung. Wenn Mitarbeiter das Gefühl haben, ich soll das weiterhin machen und ich selber auch noch das Gefühl habe, dass ich etwas beitragen kann, dann werde ich das tun. Mir ist klar, dass das Leben endlich ist und man früher oder später eine würdige Form finden muss, sich zurückzuziehen. Auch weil ich mehr Zeit für mich schaffen will, um andere Dinge zu schreiben.

Welchen Schreibprojekten möchten Sie sich denn widmen?

Büchern. Ich habe zwar schon elf Bücher geschrieben, aber es war erst ein literarisches dabei. Und soweit mir die Zeit bleibt, kommen da jetzt noch ein paar dazu.

Horizontale LinieFoto: Irena Rosc
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