Gratwanderung zwischen Aktionismus und Gesetzesbruch

Sein Kampf für mehr Tierrechte führte den Grazer Tierschützer David Richter bis vor das Gericht: Nach dem Paragrafen 278a wurde er beschuldigt, Mitglied einer kriminellen Organisation zu sein. Ans Aufgeben hat der heute freigesprochene Aktivist keine Sekunde lang gedacht.

Entstanden im Rahmen einer FH-Lehrveranstaltung 01/13

Gratwanderung zwischen Aktionismus und Gesetzesbruch

Eine Stunde Schlaf konnte er nach einer arbeitsreichen Nacht verbuchen, als es plötzlich um 6 Uhr morgens an der Tür klopft. Es war der 21. Mai 2008. Beim Blick aus dem Fenster entdeckte er mehrere Polizeiautos vor seinem Haus. Er weckte seine hochschwangere Frau und öffnete mit einem seltsamen Gefühl im Magen die Tür. „Guten Morgen, Herr Richter, wir kommen um ihr Haus zu durchsuchen“, erklärte ihm ein Polizist die Situation. Zur selben Zeit wurden in der Bundeshauptstadt die Wohnungstüren anderer Tierschutzaktivisten eingetreten und diese aus ihren Betten geholt. Es war der Tag, an dem David Richter zum ersten Mal davon in Kenntnis gesetzt wurde, dass er bereits seit einem halben Jahr überwacht und ausspioniert wird. Während er unter Schock steht und die Situation über sich ergehen lässt, durchwühlt die Polizei Kinderfotos und Unterlagen, zählt Geld, beschlagnahmt Mobiltelefone und Datenträger und fragt nach ätzenden Flüssigkeiten. Sehr bald war klar, dass die Polizei selbst nicht genau wusste, wonach sie suchte. In seiner Vorstellung hörte er bereits die Handschellen klicken. Sekunden später wurde ihm gesagt, er solle den Polizisten mit dem eigenen Auto auf das Polizeipräsidium nach Hitzendorf folgen. Er war also nicht festgenommen.

BESUCH AM SCHLACHTHOF

Schon früh kam der heute 36-jährige Tierschützer David Richter das erste Mal mit Tieren in Berührung. Der in Wien geborene Richter verbrachte in seiner Kindheit jedes Wochenende im Ferienhaus seiner Eltern im Waldviertel. Ab dem zehnten Lebensjahr begann er dort in einem nahe gelegenen Bauernhof von Bekannten mitzuhelfen. „Ich habe damals jedes Wochenende am Bauernhof mitgearbeitet und war auch öfters mit auf einem Schlachthof.“ Im veganen Café Erde in der Grazer Innenstadt erinnert er sich, den Blick geradeaus gerichtet, an seinen ersten Besuch am Schlachthof zurück. Die Schweine, die er gefüttert und dessen Ställe er selbst ausgemistet hatte, waren nun auf dem Weg geschlachtet zu werden. Aus einiger Distanz steht er in diesem Schlachthof und beobachtet die Vorgänge. Er sieht, wie die Schweine in einem ersten Schritt betäubt, mit den Füßen kopfüber aufgehängt und mit einem Messer am Bauch aufgeschlitzt werden. Wie das Blut aus ihnen herausspritzt und sie dann in ein Wasserbad kommen, die Haare abgeschoren, das Schwein auseinandergeschnitten und die Gedärme des Schweines herausgenommen werden. „Für mich hat es damals die Normalität dargestellt, ich habe nicht weiter darüber nachgedacht und habe selbst von diesen Schweinen gegessen.“

ANEINANDER GEKETTETE AKTIVISTEN

Also fuhr er in den frühen Morgenstunden des 21. Mai 2008 mit weit überhöhter Geschwindigkeit mehreren Polizeiautos in Richtung Hitzendorf hinterher. Im Zwiespalt, ob er wirklich in diesem Tempo folgen soll und der Angst, bei weniger Gas den Eindruck zu erwecken, er wolle nicht kommen oder plant zu flüchten, entscheidet er sich für die erste Variante. Immerhin strapaziert er nicht das erste Mal die geltenden Gesetze und erinnert sich an die Bürobesetzung des niederösterreichischen Landeshauptmannes Erwin Pröll im Jahr 1998 zurück. Der Weg in das Gebäude bis zum Büro des Landeshauptmannes wurde im Vorhinein ausgekundschaftet. Mit Fahrradschlössern aneinander gekettete Tierschutzaktivisten stellten im Vorraum des Büros die Forderung, den Landeshauptmann zu sprechen. Zentrales Anliegen war die Schließung der letzten österreichischen Pelztierfarm in Niederösterreich. Die Tierschützer konnten ihre Forderung erfolgreich durchsetzen.

Sechs Jahre arbeitet Richter bereits jedes Wochenende am Bauernhof mit. Bis ihm der Inlandsreport, eine heute eingestellte Sendung des ORF, die Augen öffnet. Nicht der Besuch am Schlachthof und die Nähe zu den Geschehnissen, sondern ein Fernsehbeitrag bewegte ihn zum Umdenken. Vielen Menschen hilft Distanz, um eine Sachlage aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Inhalt der Sendung waren Tiertransporte und die damit verbundenen Qualen, die Tiere erleben müssen. „Dadurch habe ich einen immer negativeren Zugang auf das Tierleben am Bauernhof bekommen.“ Nach diesem Schlüsselerlebnis ging alles sehr schnell: Er beendete die Arbeit am Bauernhof und wurde Vegetarier. Nachdem er die Gartenbauschule in Schönbrunn abgebrochen hatte, begann er in einem Biobauernmarkt zu arbeiten und sich nebenbei ehrenamtlich beim Verein gegen Tierfabriken (VGT) zu engagieren, dessen Gründung damals noch in den Kinderschuhen steckte. Bereits seit 20 Jahren ist er für den VGT tätig und setzt sich für den Tierschutz ein. Während er in den ersten zehn Jahren ehrenamtlich als Tierschutzaktivist aktiv war, ist er heute hauptberuflich Tierschützer und einer von zwölf Angestellten des VGT.

MITGLIED EINER KRIMINELLEN ORGANISATION

Im Polizeipräsidium in Hitzendorf verweigert er die Aussage und darf wieder nach Hause fahren. Dort angekommen versucht er über das Internet mit anderen Tierschützern und seinem Rechtsanwalt Michael Dohr Kontakt aufzunehmen. Nach und nach wurde ihm die Tragweite der Situation bewusst. Zwei Dutzend Hausdurchsuchungen innerhalb weniger Tage. Dreizehn der Tierschützer droht eine Anklage nach dem Paragraf 278a Mitglied einer kriminellen Organisation zu sein. Zehn Personen sitzen bereits in Untersuchungshaft. Daraufhin folgt ein von März 2010 bis Mai 2011 geführter Strafprozess der österreichweite Schlagzeilen macht. „Sie haben bei zehn von uns irgendwelche Gründe gefunden um sie in Untersuchungshaft zu schicken. Mir wurde angehängt, dass meine Arbeitsweise, wie die von mir organisierten Demos und Hausbesetzungen, an Nötigung nahe herankommt. Das reichte für eine Untersuchungshaft nicht aus. Schlussendlich wurde ich, wie alle von uns, nach dem Paragraf 278a angeklagt.“ Eine konkrete Tat konnte ihm niemand anlasten. In der Praxis bedeutet das, dass jeder, der dem VGT spendet auch nach diesem Paragraf angeklagt werden hätte können. Den Prozess bezeichnet Richter als „eine Mischung aus Folter und Kabarett“. Mindestens dreimal in der Woche ist er von Thal bei Graz mit dem Zug nach Wiener Neustadt gefahren. Sichtlich verunsichert erzählt er von den Abläufen während der Gerichtstage. „Ich habe immer geglaubt, dass der Staatsanwalt und die Verteidigung Argumente bringen und die Richterin sich das anhört. Aber der Staatsanwalt war meistens ruhig und die Richterin hat die Vorwürfe gebracht. Mir hat eine neutrale Person gefehlt.“

VON WIEN IN DIE STEIERMARK

Vor sechs Jahren hat es den Wiener aufgrund der Liebe nach Thal bei Graz verschlagen. Seine Frau Susanne, die ursprünglich aus der Steiermark kommt, hat er beim VGT in Wien kennen gelernt. Sie hatten den Wunsch, ihren Kindern ein grünes Umfeld zu bieten. Heute lebt er mit ihr und den drei Kindern Nils, Yolanda und Ilvy im Haus seiner Schwiegereltern, ist stellvertretender Obmann des VGT und Kampagnenleiter in der Steiermark. Zu seinen Hauptaufgaben zählen die Organisation von Infoständen und –abenden, Diskussionen mit politischen Entscheidungsträgern, Gespräche mit pelzverkaufenden Konzernen und Supermärkten, die Billigwerbung mit Fleisch machen sowie die Organisation von Demonstrationen. Eine dieser Demonstrationen fand am dritten Adventsamstag des Vorjahres in Graz statt. Um die 50 Demonstranten marschieren zwei Stunden lang durch die Innenstadt um vor pelzverkaufenden Geschäften zu demonstrieren. Richter führt mit einem Megaphon die Demonstranten an, fordert Geschäftsleute auf, die Pelze aus ihren Regalen zu nehmen, und lässt sich gelassen auf Diskussionen mit kritischen Passanten ein. Vollkommen überzeugt von seinen Ansichten liegt es ihm am Herzen, auch andere zu überzeugen. Am Ende pfeift David Richter am Schlossbergplatz die Melodie von „Wer hat an der Uhr gedreht…“ und möchte damit übermitteln, dass diese Demo nicht die Letzte war und er wieder kommen wird.

Nebenbei engagiert sich Richter seit drei Jahren Jahren politisch als Grüner Gemeinderat in Thal bei Graz und hat den monatlich in Graz stattfindenen Veggie-Stammtisch ins Leben gerufen. Der seit 13 Jahren vegan lebende Tierschützer erzieht auch seine Kinder vegan. „Ich bin davon überzeugt, dass die vegane Ernährung die Beste ist. Aber oft ist diese Lebensform für meine Kinder schwierig. Wenn sie zu einem Kindergeburtstag eingeladen sind, können sie nicht ihre eigene vegane Torte mitnehmen und essen natürlich die Torte mit Ei. Ich möchte meinen Kindern nicht das Gefühl vermitteln, dass sie sich abgrenzen müssen.“ Die beste Freundin der Tochter isst Fleisch. Auch die Oma bringt bei Besuchen Kuchen mit Ei mit. Die Direktorin des Regenbogenhauses Graz hat ihn aufmerksam gemacht, dass seine Tochter in einer zu offensiven Weise in der Schule mit anderen Kindern über Ernährung diskutiert. „Ich finde es schon in Ordnung wenn meine Tochter diskutiert. Aber ich verstehe natürlich auch, dass anderen Kinder das Fleischessen vergeht wenn sie hören, dass Schweine aufgeschlitzt werden und am Schlachthof kommen.“

LANDWIRTE, JÄGER UND DIE POLITIK ALS GEGNER

Seine Tierschutzlehrerausbildung hat Richter bei der bekannten steirischen Tierschützerin Charlotte Probst gemacht, welche dafür verantwortlich ist, dass das Tier seit 1986 per Gesetz keine Sache, sondern ein Lebewesen ist. Vor mehr als 30 Jahren hat sie das Projekt „Tierschutz im Unterricht“ ins Leben gerufen hat. Ziel ist es, Kinder schon früh gegenüber schwächeren Lebewesen zu sensibilisieren. Sein größter Erfolg war die Einführung eines Bundestierschutzgesetzes im Jahr 2005 und das erwirkte Verbot der Käfighaltung von Hühnern. Um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft und Politik auf dieses Thema zu lenken, hat er gemeinsam mit anderen Tierschutzaktivisten tote Hühner aus dem Abfall einer Legebatterie geholt und diese an verschiedenen Orten, wie etwa am Stephansplatz oder vor einem Lebensmittelgeschäft in Wien, aufgelegt. Hier werden tote Tiere verwendet um das Leben anderer Tiere zu retten. Eine von mehreren Aktionen des VGT, bei welchen sich die Frage auftut, welche Mittel den Zweck heiligen. Und mit diesen beiden Themen, nämlich einer Forderung nach einem in ganz Österreich einheitlichen Tierschutzgesetz und dem Verbot von Hühnern in Käfighaltung, wurde die ÖVP, welche von Tierschützern auch als „Österreichische Viehquäler Partei“ bezeichnet wurde, ein Jahr vor der Nationalratswahl 2006 stark unter Druck gesetzt. Daraufhin positionierte sich die ÖVP als „Tierschutzpartei“ und stimmte einem Bundestierschutzgesetz sowie Verbesserungen in der Hühnerhaltung zu.

Welche Gruppierung Auslöser für den Tierschutzprozess in Wiener Neustadt war, ist bis heute unklar. Konkret wurden den dreizehn angeklagten Tierschützern Straftaten der letzten Jahre, die mit Tierschützern in Bezug gebracht werden konnten, vorgeworfen. Diese Vorwürfe reichten von einem Buttersäureanschlag bei Kleiderbauer in der Steiermark bis zu einem Brandanschlag in einer Jagdhütte in Tirol. Verschiedene Gruppen, wie etwa Landwirte, Jäger und Geschäftsführer von pelzverkaufenden Geschäften, sehen Tierschützer als Gegner. Einerseits fühlen sich Schweinebauern durch die permanente Kritik der Tierschützer an ihren Haltungsformen bedroht. Andererseits fühlt sich die Jägerschaft durch Jagdbeobachtungen der Tierschützer gestört. Dann wären da noch das Kleiderbauer-Geschäftsführer-Brüderduo Peter und Werner Graf, mit denen die Tierschützer bereits jahrelang aufgrund des Tierpelzverkaufes einen Konflikt austragen. „Man könnte einfach sagen, dass wir ‚potschat’ waren, weil wir uns so viele Feinde gleichzeitig gemacht haben. Ich glaube nicht, dass es ein groß angelegtes Komplott gegen uns war, aber ich glaube, dass genügend Leute da waren, die gesagt haben, dass sie uns eine Lektion erteilen möchten.“ Richter, dem ausschließlich vorgeworfen wurde, Mitglied einer kriminellen Organisation zu sein, wurde wie alle anderen Angeklagten freigesprochen. „Das Urteil war wie Musik in meinen Ohren, der Tag des Freispruches wie ein Schweben mit Luftballonen.“ Oft hat Richter während des Prozesses daran gedacht, aufzugeben.

AUCH IN 20 JAHREN NOCH AKTIV

Aufgegeben hat er jedoch nie und ist noch heute Leiter aller Aktionen des VGT in der Steiermark. Auch das Büro von Gerhard Wlodkowski, Präsident der Landwirtschaftskammer Steiermark, wurde Ende 2011 unerwartet von Tierschutzaktivisten unter der Leitung von David Richter besetzt. „Eine Gruppe Aktivisten betritt ohne Ankündigung das Haus, geht durch die Stockwerke, sucht das Büro des Präsidenten, überwindet zugehaltene Türen, setzt sich auf den Boden und kettet sich mit Fahrradschlössern an den Heizkörper“, erinnert sich Martin Rinner vom Präsidium der Landwirtschaftskammer Steiermark. Die Forderung war dieselbe: Ein Gespräch mit dem Präsidenten und ein Verbot, Muttersauen in Kastenständen zu halten. „Muttersauen können nicht, wie sich Herr Richter das vorstellen würde, frei durch die Weltgeschichte laufen. Sie werden während der Schwangerschaft und Stillzeit in diesen körpergroßen Käfigen fixiert, damit die kleinen Ferkel nicht von ihrer Mutter erdrückt werden. Es geht um das Abwägen ob der Tod der Ferkel oder die kurzweilige Fixation der Muttersauen sinnvoller ist“, erklärt Rinner. Jeder Landwirt sei bemüht, sein Tier so gut wie möglich zu halten. Die Grundannahme, die Tierschützer vermitteln wollen, nämlich dass Landwirte permanent Gesetzesübertretungen oder Tierquälereien begehen, sei schlichtweg falsch.

Für die nächsten 20 Jahre wünscht er sich, dass die Gesellschaft weiß, wie Tierhaltung aussieht und sich ihr Konsumverhalten ändert. Er hätte gerne, dass ein Viertel aller Österreicher vegetarisch und ein Zehntel vegan leben. Nach Umfragen der Statistik Austria (2006/2007) ernähren sich in Österreich rund 3% der Bevölkerung vegetarisch. „Es gibt natürlich Situationen in denen man sich denkt, dass alles nichts mehr bringt. Aber dann kommen Momente, in denen etwas Positives passiert und etwas gelingt, von dem man sich nie gedacht hätte, dass man es schaffen kann. Es ist wichtig, nie zu früh umzukehren, denn man kann sich immer knapp vor dem Ziel befinden.“

Horizontale LinieFoto: niekverlaan/Pixabay